"Presse"-Kommentar: Wie Kim Jong-Il lernte, die Bombe zu lieben (von Wieland Schneider)

Ausgabe vom 11. Februar 2005

Wien (OTS) - Der gewissenlose Diktator kann jederzeit zuschlagen.
Er braucht nur einen Befehl zu geben, und in 45 Minuten sind seine Massenvernichtungswaffen scharf. Es gibt nur eine Möglichkeit, die Welt zu retten: Angriff! Dieses Horrorszenario samt Lösungsvorschlag hatten die USA vor zwei Jahren tagein tagaus bemüht. Resultat: die Invasion im Irak. Während Regimenter von GIs Iraks Wüste - vergeblich - nach Saddams berüchtigten Massenvernichtungswaffen durchsuchten, bastelten Atomtechniker tausende Kilometer östlich davon ungestört weiter. Mit Erfolg. "Wir haben die Bombe!", triumphierte nun Nordkoreas Regime.
Für die Regierung Bush ist das ein Schlag ins Gesicht. Immerhin hatte der US-Präsident stets beteuert, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Nordkorea in den Besitz von Atomwaffen gelangt. Nun muss er sich erneut den Vorwurf gefallen lassen, mit Saddam Hussein den Falschen aufs Korn genommen zu haben.
Die Ungleichbehandlung von Irak und Nordkorea hat freilich handfeste politische Gründe. Zwar war Saddam den US-Strategen spätestens seit der Invasion in Kuwait nicht mehr geheuer. Das Argument "Massenvernichtungswaffen" wurde aber in erster Linie für die eigene Öffentlichkeit vorgeschoben, um diese von der Notwendigkeit eines Militärschlages zu überzeugen. Die eigentliche Intention der USA: Verstärkte Präsenz in einer der erdölreichsten, strategisch wichtigsten Regionen der Erde; und zwar zu einer Zeit, in der das verbündete Saudiarabien wegen islamistischer Umtriebe ein immer unsicherer Kantonist wurde. Dazu kam das Ansinnen, mit Saddams Sturz einen Dominoeffekt der Demokratisierung im Nahen Osten auszulösen. Der von der Niederlage im Golfkrieg und von Sanktionen geschwächte Irak schien zudem leicht zu bezwingen.
Bei Nordkorea ist das nicht der Fall: Zwar hat Kim Jong-Ils obskures Regime das Land ins Elend gewirtschaftet, doch es verfügt über einen gewaltigen Militärapparat. Südkoreas Hauptstadt Seoul liegt in Reichweite von Nordkoreas zahllosen Artilleriestellungen -eine Bedrohung, die laut Experten mit einem konventionellen Angriff kaum auszuschalten wäre. Ein Militärschlag gegen Kims Reich wurde deshalb schon in der Vergangenheit nur als allerletzte Möglichkeit in Betracht gezogen. Seit nun die Nordkoreaner offen mit ihrer nuklearen Macht prahlen, sind Gedanken an einen westlichen Angriff ohnehin nur mehr Stoff für Endzeitvisionen.
Und doch muss man sich der Bedrohung aus Pjöngjang stellen. Ein Regime, das täglich im eigenen Land seine Grausamkeit unter Beweis stellt, dessen Führer einen Hang zur Paranoia hat, und das offenbar fähig ist, Raketen mit Atomsprengköpfen bis Japan zu schießen, sollte jedem von Washington bis Tokio zu denken geben.
Eines ist klar: Die bisherige Politik gegenüber Nordkorea ist gescheitert. Die USA haben das Land zwar immer wieder medienwirksam als "Vorposten der Tyrannei" und auf "Achsen des Bösen" verortet. Ansonsten haben sie sich - fixiert auf Nahost - nicht weiter um die Bedrohung aus dem Fernen Osten gekümmert. Auch Bemühungen Südkoreas, Japans und Chinas, dem unheimlichen Nachbarn die Bombe am Verhandlungstisch auszureden, haben nichts gefruchtet. Man muss sich sogar fragen, ob die Internationale Atomenergiebehörde und ihre Eingriffsmöglichkeiten noch zeitgemäß sind, wenn sich ausgerechnet dubiose Regime ungestraft über alles hinwegsetzen können.
Ein Militärschlag ist immer die allerschlechteste Option - bei Nordkorea kommt er ohnehin nicht in Frage. Zu hoch ist das Risiko, einen Atomkrieg in Asien auszulösen. Es bleibt nur die Möglichkeit, gezielter als bisher auf einen Sturz des totalitären Regimes hinzuarbeiten.
Eine Lehre kann aber schon jetzt gezogen werden:
Beschwichtigungspolitik funktioniert bei Diktatoren der Marke Kim Jong-Il nicht.

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