"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "In die Falle getappt" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 11.02

Wien (OTS) - Vorschreiben, verbieten, bestrafen: Das hat Tradition im obrigkeitshörigen Österreich. Der Staat soll für Ordnung sorgen, und wie die auszusehen hat, wollen viele Interessenvertreter selbst bestimmen. Damit das ganze einen demokratischen Anstrich bekommt, berufen sie sich auf selbst in Auftrag gegebene Umfragen - und tappen dabei in die Falle.
Da hat beispielsweise die Apothekerkammer vor kurzem aufwändig erheben lassen, dass 93 Prozent der Bevölkerung ihre Medikamente weiterhin in Apotheken und nicht in Drogeriemärkten kaufen wollen -auch rezeptfreie Kopfwehpulver, Vitaminpillen und Salben. Das klingt plausibel, ist doch die Beratung ausgebildeter ApothekerIinnen ein wertvolles Gut, wenn es um die Gesundheit geht.
Allein: Wenn tatsächlich mehr als neun von zehn ÖsterreicherInnen ohnehin keine Medikamente im Supermarkt kaufen wollen, dann kann man den Verkauf rezeptfreier Präparate ruhig freigeben. Das einzige, was allenfalls dagegen spricht, ist eine Umfrage der am Medikamentenverkauf interessierten Drogeriekette "dm", die - wenig überraschend - zum genau gegenteiligen Ergebnis kommt: 62 Prozent würden rezeptfreie Arzneien in Drogerien kaufen.
Ähnlich ist es mit dem Ladenschluss. Seit Jahr und Tag behauptet die Gewerkschaft der Handelsangestellten mit allem Nachdruck, dass die Öffnungszeiten völlig ausreichen und niemand am Abend, des Nachts oder gar am Sonntag einkaufen will. Also sollen die Rollbalken gefälligst kraft Gesetzes herunter bleiben.
Kaum nützt allerdings der "Spar"-Markt am neuen Linzer Hauptbahnhof eine Gesetzeslücke und verkauft außerhalb der gesetzlich erlaubten Zeiten nicht nur Reiseproviant, sondern auch Hundefutter, Katzenstreu und Fischstäbchen, zückt die Gewerkschaft auch schon die rote Karte und erstattet Anzeige. Warum eigentlich? Die Kaufleute bei "Spar" können ja rechnen. Wenn ohnehin fast niemand zu "verbotenen" Zeiten einkauft, werden sie die Öffnungszeiten bald freiwillig beschränken. Oder traut die Gewerkschaft ihren eigenen Umfragen nicht?
Andersrum läuft es bei Post und Bahn. In manchen kleinen Orten war tagelang im Postamt kein Kunde zu sehen, ebenso wenig wie im einst vorhandenen Lädele. Aber kaum droht die Schließung, bricht Entsetzen aus: Die Nahversorgung ist gefährdet. Ähnlich ist es bei den teuren "Geisterzügen", die auf innerösterreichischen Nebenbahnen verkehren. Kaum Fahrgäste im Normalbetrieb, aber große Aufregung, wenn der Verkehr eingestellt werden soll.
Ob Apotheken, Nahversorgung oder Öffnungszeiten: Man kann, soll und darf in der sozialen Marktwirtschaft nicht alles dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Aber alles per Gesetz zu verordnen, was problemlos vom Markt selbst geregelt wird, hat auch keinen Sinn. Es führt zwangsläufig zur Erstarrung des Wirtschaftslebens, zur Abwanderung von Kaufkraft und zum Verlust von Arbeitsplätzen.

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