"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Schatz der Kindheit: Bildung muss vor der Schule beginnen" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 08.02.2005

Graz (OTS) - Dass Hans nimma mehr ausbügelt, was Hänschen verschlafen hat, stimmt so nicht mehr. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans hinterher. Lernen findet lebenslang statt, und wer sich diesem Postulat der Wissensgesellschaft widersetzt, findet selbst nicht statt. Einen gültigen Kern hat die Volksweisheit aber dennoch:
als hochaktuelles Plädoyer für die Wichtigkeit frühen Lernens und Erfahrens.

So hat die moderne Hirnforschung nachgewiesen, dass die Aufnahmefähigkeit im vorschulischen Alter am größten ist, und dass es für spätere Bildungskarrieren ganz entscheidend ist, inwieweit die Kinder ihre Wissensbegierde stillen können und welche Lernstrategien sie dabei erwerben.

Die Wissenschaft sagt: Die Kleinen können mehr, als ihnen die Großen zumuten. Zwar lerne Hänschen auch später noch, aber nie mehr mit dieser Hingabe. Es wäre daher an der Zeit, dass sich die Bildungspolitik diesem Schatz der Kindheit zuwendet. Wäre. In Österreich hat man die vorschulische Bildung bisher in der Debatte ausgeblendet. Grotesk: Das Bildungsministerium ist für Kindergärten nicht einmal zuständig. Viele von ihnen werden engagiert geführt, aber im öffentlichen Bewusstsein gelten sie noch immer als Aufbewahrungsstätte und nicht als Bildungseinrichtung.

Gezielte Sprachförderung, Abklärung der Sprachkompetenz durch diagnostisch geschultes Personal, Kurse für Migrantenkinder, Begegnung mit der englischen Sprache durch native speakers, Kooperation mit den Grundschullehrern: was anderswo die Regel ist, ist bei uns die Ausnahme.

Die Mehrheit der Kindergartenerzieher leistet Großes, aber dass die Berufsgruppe noch immer keine Sammelklage gegen die Titulierung "Tante" eingebracht hat, bleibt ein Mysterium. Welchen gesellschaftlichen Stellenwert man den Kindergartenpädagogen zumisst, verrät auch die Ausbildung: In Skandinavien sind sie Absolventen der pädagogischen Universitäten, hierzulande reicht das Maturazeugnis.

Wenn die Schulreform kein Kosmetik-Event werden soll, muss sie bei der vorschulischen Bildung ansetzen. Es geht nicht um Entzug der Kindheit, es geht um kindgerechtes, gezielteres Hinführen zur Schulreife; und ein Kriterium hiefür ist nun einmal das Beherrschen der deutschen Sprache. Um Defizite rechtzeitig zu beheben und späterem Außenseitertum in der Klasse vorzubeugen, sollte das dritte Kindergartenjahr, oft genug ein Jahr der kognitiven Langeweile, zu einem Vorbereitungsjahr aufgewertet werden. Verpflichtend. Den Kindern zuliebe. ****

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