Schleicher: "Ökostrom-Konflikt Symptom fehlender Energiepolitik"

Auf der Biomassekonferenz in Graz rechnet der Energieexperte des WIFO die Chancen erneuerbarer Energieerzeugung vor und mit fossiler und atomarer Energie ab.

Wien/Graz (OTS) - Auf der völlig ausgebuchten Mitteleuropäischen Biomassekonferenz 2005, die vorige Woche in Graz 920 Teilnehmer aus 28 Ländern anzog, stellte Prof. Dr. Stefan Schleicher, Energieexperte des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) in Wien, von vornherein klar: "Wir müssen in Zukunft vehement auf erneuerbare Energieträger setzen, sonst wird unser Energiesystem, wie wir es heute kennen, zusammenbrechen."

Das Ende des Erdölzeitalters

Schleicher nennt drei Optionen hinsichtlich der künftigen Energieversorgung: "Die fossile Option ist zeitlich begrenzt. Alle Studien zeigen, dass das Maximum der Ölförderung erreicht ist oder bald erreicht wird. Wir werden zwar noch lange Öl und Gas fördern können, aber nicht in den Mengen von heute - und das bei ständig steigendem Energiebedarf." Innerhalb von zwei, drei Jahrhunderten wird hier die über Jahrmillionen fossil gespeicherte Energie freigesetzt, aber was nachher kommen soll, weiß niemand.

Fossile und atomare Option decken nicht den wachsenden Energiebedarf

Zusätzlich kommt dann noch die CO2-Belastung der Atmosphäre ins Spiel. "Wenn wir "business as usual" betreiben, wird der CO2-Ausstoß jährlich um zwei Prozent zunehmen, was Hand in Hand mit dem wachsenden Energiehunger einhergeht." Nimmt man den weltweiten durchschnittlichen Energieverbrauch pro Person mit 100 Prozent an, so verbraucht der durchschnittliche Österreicher mit derzeit 216 Prozent mehr als doppelt so viel, was in etwa 10 Litern Öläquivalent pro Tag pro Kopf entspricht. In den USA liegt dieser Wert bei spitzenmäßigen 482 Prozent, während China mit 53 Prozent und Indien mit 30 Prozent ganz am Ende der Liste rangieren. "Noch!", betont Schleicher, "Das rasante Wirtschaftswachstum in den asiatischen Staaten wird den Energiebedarf in der Bevölkerung enorm in die Höhe treiben. Rechnet man für China und Indien mit einer europäischen Energie-Intensität, so brauchen wir 41 Prozent mehr Erdöl, 11 Prozent mehr Erdgas und 136 Prozent mehr Kohle zur weltweiten Energieerzeugung. Auch ein gesteigerter Anteil der Atomkraft wird hier nur eine untergeordnete Rolle spielen." Derzeit produzieren 400 atomare Anlagen etwa vier Prozent des Weltenergieverbrauchs, auch die in Planung begriffenen weiteren 25 Kraftwerke, werden wenig kompensieren können. Die nukleare Option ist also viel zu schwach und birgt ungeheure Risiken.

3 x 50-Strategie

Als dritte Option nennt und favorisiert Prof. Schleicher die Kombination von "Effizienz und Erneuerbaren". "Es muss gelingen, den Energiebedarf zu reduzieren, etwa durch intelligente Antriebssysteme oder innovatives Bauen. Ich nenne das die "3 x 50-Strategie", also 50 Prozent mehr Energiedienstleistungen, 50 Prozent weniger Energieverbrauch insgesamt, davon 50 Prozent aus erneuerbarer Energieerzeugung. Die Maximen bei der Energiebereitstellung müssen lauten: dezentral, lokal, erneuerbar!"

Österreich braucht ein Energiekonzept

Laut Schleicher scheitert Österreich an diesen Zielen. Die Energieintensität sei zwar stagnierend aber nicht fallend, der Anteil der Erneuerbaren könnte um ein Vielfaches höher sein (Vorbild Skandinavien) und der Reduktionsbedarf bei den Treibhausgasen, der zur Zeit bei 30 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent liege, ist mit den bisherigen politischen Intentionen nicht zu erreichen. Deshalb Schleichers Forderung: "Die Klimastrategie muss in die Energie- und Technologiepolitik integriert werden. Am Beispiel der Ökostrom-Debatte zeigt sich, dass Österreich keine Energiepolitik hat. Es ist nicht richtig, den Strom aus Windrädern, Solaranlagen oder Biomassekraftwerken 1:1 mit sonstiger Elektrizität zu vergleichen. Ökostrom bringt lokale Wertschöpfung, bietet Versorgungssicherheit, setzt Technologieimpulse und entlastet die Treibhausgas-Bilanz. Dieser Zusatznutzen wird nicht in die herkömmlichen Rechnungen miteinbezogen, Ökostrom müsste vielfältiger bewertet werden. Was Österreich dazu fehlt, ist ein umfassendes Energiekonzept!"

Der Vortrag von Prof. Schleicher (.ppt), sowie alle anderen Referate werden auf unserer Homepage www.oesfo.at zum Download angeboten. Dort finden Sie ebenfalls umfangreiches Bildmaterial zur Mitteleuropäischen Biomassekonferenz 2005.

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