"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Die Sorge um Arbeit" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 3. Februar 2005

Innsbruck (OTS) - Die hohe Anzahl an Arbeitslosen in Deutschland
und in Österreich löst berechtigte Besorgnis, sogar Erinnerungen an die Weimarer Republik aus. Letzteres ist zu viel des Alarmismus, die Zeiten sind stabiler. Dennoch: Auf dem Arbeitsmarkt gibt es ein Problem, aber der Arbeitsmarkt ist nur Teil des Problems.
Die Lage ist auf den ersten Blick unverständlich: Die Anzahl der Beschäftigten nimmt zu, zugleich jene der Arbeitslosen. Das hat, man braucht die Statistik deswegen noch lange nicht zu verdrehen, seine klaren Ursachen einerseits in der steigenden Anzahl der erwerbsfähigen und erwerbswilligen Personen, andererseits in der versteckten, sprich: nicht gemeldeten Arbeitslosigkeit. Dieses Paradoxon, diese Widersprüchlichkeit, zieht sich seit Jahrzehnten durch alle einschlägige Statistiken: Es braucht drei neue Arbeitsplätze, um die Anzahl an Arbeitslosen um zwei zu vermindern. Wie die gewünschte Vollbeschäftigung erreichbar ist, bleibt strittig. Klassische staatliche Programme zur Beschäftigung, die es im Lauf der Geschichte immer wieder gab, greifen heute wahrscheinlich zu kurz. Erst recht in Zeiten, in denen Beschäftigung sich zu einem guten Teil global ihre Arbeiter sucht und überdies die Hälfte aller weltweiten Baukräne in China steht, wie der britische Stararchitekt Norman Foster kürzlich im Economist vorrechnete.
Ein Mangel an Beschäftigung ist ein individuell und gesellschaftlich unerwünschter Zustand. Nicht zuletzt deswegen, weil Personen von der Seite der Beitragszahler auf jene der Leistungsempfänger wechseln. Das belastet den Sozialstaat doppelt. Dieser ist daher gefordert. Seine Finanzierung kann nicht nur via Beiträge am Faktor Arbeit anknüpfen, er braucht andere Einkommensquellen, muss Steuerflüchtlinge erfassen. Und der Arbeitsmarkt muss noch offener, die Arbeitnehmerschaft etwas beweglicher werden. So hart und schwierig das sein mag.

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