"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Kritiker der Amerikaner werden gerne im Irak sein" (Von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 02.02.2005

Graz (OTS) - Die Iraker gingen am Sonntag zur Wahl; die
Terroristen konnten sie nicht hindern. Das ist ein Erfolg für die Bürger des Irak. Ihnen gilt die erste und wichtigste Gratulation. Die Wahl ist aber auch ein Erfolg für den amerikanischen Präsidenten George Bush. Auf der Ebene der Bürger und der Straße wird die Wahl noch nicht viel bewirken. Wer Bush vorher nicht mochte, wird ihn jetzt nicht preisen, sondern weiter gegen ihn protestieren.

Aber Bush wird den Wahlerfolg nützen, um seine europäischen Kritiker unter den regierenden Politikern einzubinden. Die kommende Europareise wird es überdeutlich zeigen.

Die großen Gegner, der französische Präsident Jacques Chirac und der deutsche Kanzler Gerhard Schröder, haben ab sofort Probleme. Der Krieg im Irak, den sie gemeinsam mit ihren Wählern bekämpften, rückt in die zweite Linie. Die neuen Fakten sind, dass im Laufe der nächsten Monate und Jahre der Irak immer stärker von irakischen Politikern geprägt werden wird. Das bietet den Europäern nun die Chance, doch noch in den Nachkriegs-Irak einzusteigen, wirtschaftlich und politisch. Auch Frankreich und Deutschland und andere werden gerne mit dabei sein. Ihre Chancen sind sogar gut, weil ihre Soldaten nicht als Besatzer aufgetreten sind.

Die Iraker haben eines oft bewiesen: Sie waren stark mehrheitlich dafür, dass der Diktator Saddam Hussein und seine Clique beseitigt werden, aber die Iraker wollten stark mehrheitlich keine Kolonie der Amerikaner werden. So können und werden die Europäer im Irak als Ausgleich zu den noch lange übermächtigen Amerikanern ihre Chancen haben. Und George Bush wird sie nicht wirklich hindern können, weil auch er den Irak im Alleingang nicht schaffen wird.

Die Praxis dieses Einflusswandels wird aufgrund der Machtlage und der Image-Interessen von Bush und seinen europäischen Kritikern noch lange und oft kontrovers sein. Aber die Linie ist klar: Wenn der Irak, dank des amerikanischen, völkerrechtswidrigen Krieges, einen Weg in die Zukunft findet, werden die Europäer gerne zu Wegbegleitern werden.

Das könnte auch eine üble Praxis der westlichen Irak-Diskussion beenden: dass nicht der Blick auf die Menschen im Irak den Vorrang hat, sondern der Blick nach Washington. Bisher galt: Was Bush tut, ist böse oder gut. Langsam sollte die erste Überlegung sein: Was Bush oder sonst wer tut - wie wirkt sich das auf die Menschen im Irak aus? Wenn die europäische Gesellschaft und Politik so weit sind, ist unsere Krise um den Irak erfolgreich gelöst.****

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