"DER STANDARD"-Kommentar: "Die billigere Elite" von Gerfried Sperl

Über die Verwandlung der "Akademie der Wissenschaften" in eine Forschungsuni - Ausgabe vom 2.2.2005

Wien (OTS) - Dass die Errichtung einer "Eliteuniversität" in Wien gut überlegt wird, dient der Sache. Dass die Bildungsministerin gleichzeitig die Untersuchungen zu diesem Thema unterstützt, ist ebenfalls zu begrüßen. Denn offenbar will sie keine Husch-Pfusch-Entscheidung. Das am Dienstag publizierte Konzept des "Österreichischen Wissenschaftsrats" nennt auch konkrete Ziffern. 120 Millionen Euro pro Jahr müssten aus dem Staatssäckel investiert werden, um das Projekt ins Laufen zu bringen.

Die Exponenten des Wissenschaftsrats haben im Titel ihrer "Empfehlung" eine wichtige sprachliche Fixierung vorgenommen. Sie vermeiden den Begriff Universität und wählen die Überschrift "Mitteleuropäisches Wissenschaftszentrum Wien". Vermutlich mit Grund. Denn die Initiatoren der "Eliteuniversität" wünschen sich keine Volluni, sondern eine Forschungsstätte der Spitzenklasse, durchaus ähnlich dem Weizman-Institut in Israel und den internationalen Max Planck Research Schools. Es gibt dort keine studentische Ausbildung, sondern Arbeitsplätze für exzellente Doktoranden. Das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) mit dem aus Amerika zurückgeholten Josef Penninger und das Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie (GMI), das von Dieter Schweizer geführt wird.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos warnten hochrangige Experten davor, den Elitebegriff zu isolieren. Selbst neue Spitzeninstitute brauchten zweierlei: eine exzellente Ausbildungsbasis an den bestehenden Universitäten sowie eine höchst dotierte Forschungslandschaft, weil die jungen Absolventen sonst scharenweise ins Ausland abwandern würden.

Abgesehen davon erzeugt die Kampagne für eine "Eliteuniversität" den Eindruck, als würden die bestehenden Hochschulen diesem Anspruch nicht genügen. Tatsächlich sind Höchstleistungen an den österreichischen Universitäten ein markanter Aspekt ihrer Arbeit. Die Negativpunkte: veraltete Strukturen, zu wenig Effizienz im Management und viel zu lange Umsetzungswege. Die Reform der Elisabeth Gehrer hatte ihre Gründe, zu ihren Zielen gehörten österreichische "Weltklasseunis", aber keine falsch getitelten Forschungsmaschinen um einen Star herum.

Die soll es geben. Ihre Errichtung aber ist nicht Aufgabe des Staates. Daher mögen Industrie und Wirtschaft einsteigen, mit ihren angeblich so exzellenten Kontakten sollen sie internationale Stiftungen mobilisieren, um eine derartige Innovation zu ermöglichen.

Die Politik käme trotzdem ins Schwitzen. Sie wäre in viele Richtungen gefordert. Eine davon: die bestehenden Unis so gut mit Geld auszustatten, dass sie genug "Elite" produzieren können. Und auch noch jenes Personal bereitstellen können, das Forscher um sich herum brauchen.

Das bedarf keiner Fünfjahrespläne, solche Vorhaben benötigen Verpflichtungen, die sich auf mindestens zwanzig Jahre erstrecken. Denn so lange dauert es, bis wie im Fall des Weizman-Instituts durch Patenteinkünfte bis zu zwei Drittel der Forschungskosten verdient werden können.

Wenn man all das berücksichtigt, stellt sich die Frage: Warum baut man nicht Bestehendes so radikal um, dass daraus das gewünschte Topinstitut wird? Tatsächlich böte sich die teils (siehe GMI und andere Bereiche) sehr gut agierende Akademie der Wissenschaften an.

Gebäude gibt es schon, sehr repräsentative sogar, qualifiziertes Personal ebenso. Vorhandenes und Neues könnte an der Akademie gebündelt werden, ihre Unabhängigkeit ist jetzt schon eines der Charakteristika ihrer unbestreitbaren Erfolge, die vor allem unter Werner Welzig wuchsen. Und weil in Österreich alles einen prominenten Namen braucht: Was hindert die Verantwortlichen daran, den Eliteuni-Propagandeur Zeillinger zum nächsten Akademie-Präsidenten zu bestellen. Mit dem Auftrag, sie in die gewünschte Weltklasserichtung zu verändern.

Man würde sich sogar einiges an Geld sparen.

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