"Kleine Zeitung" Kommentar: "Hände weg vom Trinkgeld, auch die Deutschen haben verzichtet" (von Wolfgang Simonitsch)

Ausgabe vom 01.02.2005

Graz (OTS) - Noch liegen die genauen Absichten des Finanzministers zum geplanten Eintreiben der Steuer auf Trinkgeld gar nicht auf dem Tisch. Doch erste Ankündigungen von Modellen, über die im Finanzministerium noch gebrütet wird, haben helle Empörung provoziert und eine seltsame Allianz gezimmert: Arbeiterkämmerer, Hoteliers und Touristiker, SPÖ, Grüne und auch der kleine Koalitionspartner, die FPÖ, ziehen gemeinsam gegen eine Trinkgeldsteuer ins Feld. Wo Wahlen vor der Tür stehen, scheren sogar Schüssels Getreue aus:
"Schnapsidee", tönt es aus der steirischen ÖVP.

Alle haben ihr Motiv, dagegen zu sein. Wirte zittern davor, höhere Löhne zahlen zu müssen, falls ein Teil des Trinkgelds - das bei Kellnern fixer und oft bedeutender Einkommensteil ist - weggesteuert wird.

Prinzipiell wäre eine Steuer auf Trinkgeld nicht ungerecht. Ist es doch seit eh und je steuerpflichtig. Nur haben sich bisher weder Steuerpflichtige noch der Fiskus darum gekümmert - weil es für Trinkgeld meist keine Belege und deshalb auch keinerlei Kontrolle gibt.

Das wird sich auch künftig nicht ändern, obwohl in Restaurants immer häufiger mit Kreditkarten bezahlt wird, auf deren Rechnung Trinkgeld in einer eigenen Spalte extra ausgewiesen - und damit überprüfbar wird. Dieser Umstand hat die jüngste Lawine ins Rollen gebracht und den Fiskus jetzt so begehrlich gemacht.

Trotzdem wird auch in Zukunft der Großteil der "Maut" an eher schlecht bezahlte gut 200.000 Kellner, Taxler, Masseure, Friseure, Pompfüneberer, Rauchfangkehrer oder Schilehrer wohl bar in deren Taschen wandern und damit dem Fiskus verborgen bleiben. Die Trinkgeldsteuer wird also höchstens über eine ungefähre, augenzwinkernd praktizierte Faustformel eingetrieben werden, die nicht viel mehr Steuergerechtigkeit bringen kann.

Viel gescheiter wäre es, wenigstens in diesem Fall die rot-grüne Regierung in Deutschland doch einmal nachzuahmen: Die hat 2004 die seit 1923 existent gewesene Trinkgeldsteuer abgeschafft. Begründet wurde dies mit Argumenten wie "fehlender Genauigkeit bei der Überprüfung" tatsächlich kassierter Trinkgelder. Zudem sei Schwarzarbeit jetzt weniger attraktiv. Und die gigantische Kontroll-Bürokratie fiele weg. Dies alles zählt auch bei uns.

Also: Hände weg vom Trinkgeld. Mit ein bisschen Phantasie sollte es der ÖVP auch gelingen, ertragreichere Wahlkampf-Strategien zu entwickeln - als garantiert über Trinkgeld-Steuer maulende Stammtische mit deren stark negativem Multiplikator-Effekt. ****

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