WirtschaftsBlatt Kommentar vom 1.2.2005: Flucht-Achterl mit Trinkgeld für Grasser - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Trinkgeldgeben ist eine Handlung, die der Mensch in hunderttausendjähriger Stammesgeschichte zur Kunstform entwickelt hat. Eigentlich ist das Wort Trinkgeld von unösterreichischer Direktheit und fügt sich dennoch in die Landeskultur: Wie sonst sollten ein Möbelpacker, ein Bergführer, ein Kutscher und eine Friseuse den Sinn der ihnen zuteil gewordenen Geldspende erfassen, wenn nicht durch dieses schöne Wort herzhafter Gastlichkeit. Schmattes klingt ölig, Bakschisch hat in levantinischer Tradition den Leistungsbezug verloren, einzig im Trinkgeld steckt abwägende Charakterstärke, wie sie auch in der Handschlagqualität zum Ausdruck kommt.
Dass ausgerechnet Karl-Heinz Grasser, der Finanzminister, in dieses zarte Netz phylogenetischer Verhaltensmuster rutscht, ist rasch erklärt. Er fährt nämlich auf der Kreditkarte herein, mittels der in feinen Restaurants, in denen Grasser vermutlich machmal speisen muss, gleich auch das Trinkgeld beglichen wird. Die Grünen und die Datenschützer sind gar nicht so dumm, wenn sie uns vor der gläsernen Gesellschaft warnen. Die Plastikkarte macht nämlich im Restaurant aus der spontanen Dankbezeigung für vorzüglichen Service ein Rechtsgeschäft, ja noch mehr: ein Einkommen. Also einen Lohnanteil, für den der Empfänger Steuer und der Wirt Lohnnebenkosten bezahlen müsste.
Grassers Trick besteht darin, von seiner Plastikkartenwelt auf ein paar tausend Beisl-Kellner, Pizza-Schupfer und Steinofen-Kratzer querzurechnen und sodann auf die Fiaker, Friseure und Fliederstrauchschneider. Es mag ja sein, dass der Finanzminister sein Haarstyling dort anfertigen lässt, wo mit Kreditkarte (samt Tipp-Zuschlag) gezahlt wird. Aber im Allgemeinen wird das Trinkgeld fürs Kopfwaschen der Friseuse in die Tasche geschoben, wenn diese schon mit einem Besen die Haare wegkehrt und keine Hand für den Empfang der Aufmerksamkeit frei hat.
Über die Tatsache, dass die Aktion "Trinkgeld scharf" dem Fiskus wenig mehr bringt als bürokratischen Unfug, aber die Unternehmen trifft, die in der Dauerkrise zwischen Durchhalten und Zusperren existieren, ist genug geschrieben worden. Deshalb der beschwörende Hinweis, dass es nicht nur ums Geld geht, sondern um eine zivilisatorische Errungenschaft. Grasser kommt so viel herum in der Welt. Vielleicht kann ihm der Führer einer Kamelkarawane den Unterschied zwischen Arbeitslohn und kleiner Aufmerksamkeit zwischen Menschen in der Wüstenei des Lebens erklären.

Rückfragen & Kontakt:

Redaktion WirtschaftsBlatt
Tel.: (01) 60 117/279
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001