"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gehrers Nachmittags-Modell schreibt die alte Schule fort" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 29.01.2005

Graz (OTS) - Das freudige Staunen über den vermeintlich revolutionären Schritt war so groß, dass im Überschwang sogar Galilei und Kopernikus bemüht wurden: Und sie bewege sich doch! Gemeint war nicht die Erde, sondern Elisabeth Gehrer. Mit ihrem Vorstoß, an allen Pflichtschulen ein System der Nachmittagsbetreuung bis 16 Uhr zu etablieren, brachte die Bildungsministerin zwar neuen Schwung in die Schuldebatte. Doch die Euphorie war überhitzt und verfrüht.

Das hat nicht nur mit den ungeklärten Fragen zu tun, wer die Kosten für Mensa und Personal trüge. Gravierender sind die inhaltlichen Vorbehalte. Das, was hier als innovativer Wurf kommuniziert wird, hat mit einer Schulreform wenig zu tun. Im Gegenteil: Hier wird nicht Schule neu gedacht, sondern die alte festgeschrieben. Verpflichtende Nachmittagsbetreuung heißt nämlich nichts anderes als: Der zeitlich gepresste, unvernetzte, im 50-Minuten-Takt abgespulte Vormittagsunterricht mit geistigem Kollaps in der sechsten Stunde bleibt wie er ist: theresianisch vorgestrig. Einziger Zugewinn: Die Schüler, deren Eltern es sich leisten können, werden am Nachmittag beaufsichtigt. Im Glücksfall erhalten sie - von fremden Junglehrern -Unterstützung bei Hausaufgaben.

Das ist zwar noch immer besser, als die Schule zu Mittag dichtzumachen und die Kinder berufstätiger Eltern sich selbst oder Fastfoodketten zu überlassen, aber es ist keine pädagogisch relevante Antwort auf das Pisa-Debakel. Es ist ein hübsches Serviceangebot, das fortschrittliche Schulen ohnehin längst im Programm haben, um in Zeiten rückläufiger Schülerzahlen attraktiv zu bleiben.

Wenn Bildung mehr sein will als die Summierung von Einzelfächern, mit Kantinenkost und wenig Sport, dann muss Schule neu organisiert und komponiert werden. Mit Kern- und Gleitzeiten, kognitiven Phasen von neun bis zwölf, einem gemeinsamen Mittagessen und Nachmittags-Einheiten, die das Gelernte vertiefen und vernetzen. Es bliebe Zeit, die Schwächeren gezielt zu fördern, und es bliebe Zeit für Sport und Kreativität - warum nicht unter Einbindung örtlicher Vereine, Sportler oder Künstler.

Selbstverständlich müssten die Nachmittagslehrer mit jenen am Vormittag ident sein. Selbstverständlich benötigen sie dafür Arbeitsräume und keinen kolchoseartigen Konferenztisch mit 70 Stühlen. Und selbstverständlich erfordert ein solches echtes ganztägiges Schulmodell Mut und Geld. Beides sollten Bund, Länder und Gemeinden gemeinsam aufbringen. Dann könnte man mit Fug und Recht sagen: eine kopernikanische Wende. ****

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