"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Ewiggestrige dienst dem Verständnis der Gegenwart" (von Wolfgang Sotill)

Ausgabe vom 27.01.2005

Graz (OTS) - Niemals dürfen wir vergessen!" Der Appell wird heute in Auschwitz inflationär zitiert werden. In allen Sprachen werden ihn Politiker mit Pathos in die Welt rufen, als sei ein getragenes Timbre in ihrer Stimme schon der Garant dafür, dass der Inhalt auch umgesetzt werde.

Tags darauf werden die großen Worte wieder verhallt sein. Der Beweis:
Schon in der Vergangenheit, die auch einmal Zukunft war, wurde das "Niemals vergessen" immer wieder zitiert. Und zwar als eine unmissverständliche Aufforderung an Deutsche und Österreicher und auch an alle NS-Kollaborateure, die eigene Geschichte umfassend zu akzeptieren. Sie eben nicht zu vergessen, auch nicht zu verdrängen.

Untersuchungen zur Zeitgeschichte offenbaren hingegen, dass die Mehrheit der jungen Österreicher die Shoah weder in ihrer Größenordnung noch in ihrer Bedeutung für die politische Gegenwart einordnen kann. Das hatte innenpolitische Gründe: Nach 1945 war es leichter, sich als Opfer zu sehen denn zu den Tätern zu gehören. Ein Umstand, der auch seinen Ausruf fand: "Jetzt muss endlich Schluss sein mit der Aufrechnerei der Juden!"

Zu diesen politischen Interessen kommt, dass die Zahl der Opfer nur schwer vermittelbar ist. Allein in Auschwitz sind eineinhalb Millionen Menschen - Juden, Polen, Russen . . . - ums Leben gekommen.

Unkenntnis paart sich mit der Unvorstellbarkeit der NS-Verbrechen. Eine fatale Mischung, die bei denen, die dann plötzlich doch mit der "industriellen Menschenvernichtung" konfrontiert sind, zu Betroffenheit führt. Diese äußert sich dann häufig in einem anbieterischen Philosemitismus.

Häufig ist auch die Gegenreaktion die Folge, die in der Frage gipfelt: "Wie können die Juden den Palästinensern das antun? Haben sie denn Auschwitz vergessen?" Ein doppelter Denkfehler, denn erstens war ein KZ keine Nachhilfestunde in Menschlichkeit und zum Zweiten setzt er qualitativ und quantitativ die jetzige Situation der Palästinenser mit der der Juden unter den Nazis gleich.

Nur Lernen kann die Situation verbessern. Denn nur wenn Juden nicht mehr dämonisiert werden und ihre planmäßige Ausrottung nicht bagatellisiert wird, kann man als Österreicher eine normale Beziehung zu den ehemals Verfolgten aufbauen. Eine Notwendigkeit, die auch Israel hilft, den Holocaust als Trauma aufzuarbeiten. Damit könnte der Auschwitz-Komplex künftig auch weniger stark die Sicherheitspolitik Israels prägen, die von der Erfahrung der Vernichtung ausgeht: Die ganze Welt steht gegen uns. ****

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