DER STANDARD-Kommentar "Vor sechzig Jahren in Auschwitz" von Barbara Tóth

"Österreich und seiner Regierung fehlt es immer noch an Erinnerungskultur" vpm 27.1.2005

Wien (OTS) - Der Deutsche Bundestag erinnert heute, am sechzigsten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, in einer Gedenkstunde an die Opfer der Tötungsmaschinerie des Nationalsozialismus.

In Österreich wird dieses Datums mit Sicherheit im Privaten gedacht, und es wird betrauert werden - die heimische Regierung jedoch scheint diesen Jahrestag, höflich formuliert, ignorieren zu wollen. Keine Festsitzung, keine Ansprache, keine Kranzniederlegung - und das gerade im Gedenkengedankenjubeljahr.

Es bleibt Bundespräsident Heinz Fischer überlassen, Österreich in Auschwitz zu repräsentieren. Bei der Festsitzung der UN-Vollversammlung in New York vertrat nur Kunststaatssekretär Franz Morak die Regierung - Deutschland und Israel schickten ihre Außenminister.

Man werde die Opfer des Nationalsozialismus ohnehin am 4. Mai im Parlament und am 8. Mai anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen würdigen, wird von Regierungsseite argumentiert. Gewiss, der Schrecken Mauthausen liegt zumindest geografisch näher - aber es ist Auschwitz, das zur Chiffre für die Einmaligkeit der NS-Verbrechen und für die Mittäterschaft Deutscher und Österreicher geworden ist.

So wie sich in Deutschland jeder Kanzler neu und auf seine Art dem Verbrechen stellen muss, muss es auch der Österreichische Regierungschef. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel aber hinterlässt den Eindruck, als würde er das Jubiläumsjahr am liebsten mit der berühmten Stunde null beginnen. Es ist die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik, die im Mittelpunkt des Erinnerns stehen soll, nicht die mit Fragen nach Schuld und Verantwortung getränkten, dunkelsten Zeiten davor.

In der Tat hat sich Österreich bereits mehrmals zu seiner Mitschuld an Naziverbrechen bekannt. Exbundeskanzler Franz Vranitzky tat dies als Erster in seiner berühmten Parlamentsrede im Jahr 1991, auch Staatssekretär Morak kam das Bekenntnis zur "moralischen Mitverantwortung" in New York geübt über die Lippen.

Das heißt aber nicht, dass es keiner Wiederholung bedarf. Jede Generation muss die Auseinandersetzung mit dem, was war, neu suchen. Ganz besonders heuer: Denn für viele, die noch bewusste Erinnerungen an das NS-Schreckensregime haben, ist das Gedankenjahr 2005 vielleicht die letzte Gelegenheit, ihre Version zu erzählen. Besondere Verantwortung trägt dabei die Politik, denn sie wird immer stärker zur Impulsgeberin des Erinnerns. Was die Regierung - und nicht nur sie - in dieser Rolle bislang gezeigt hat, weckt schwere Zweifel.

Etwa wenn Nationalratspräsident Andreas Khol behauptet, die Vorläuferpartei der FPÖ, das Nazi-Auffangbecken VdU, habe sich um den Aufbau der Zweiten Republik besonders verdient gemacht. Oder wenn Altvordere der SPÖ eine mutige und auch termingerechte Aufarbeitung der "braunen Flecken" im Akademikerverband BSA durch ihren empörten Austritt konterkarieren.

So als wären die Fakten nicht hinlänglich bekannt. So als gäbe es die wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Literatur zur Nazizeit und ihre langen Schatten nicht. Im Jubiläumsjahr 2005 müssen nicht die letzten zwei Kapitel österreichischer Zeitgeschichte -jenes von 1938 bis 1945 und jenes danach - neu geschrieben werden. Was dringend fehlt, ist ein schmales Handbüchlein zum Umgang mit dieser Geschichte. Österreich braucht eine Erinnerungskultur, die diesen Namen verdient hat.

Dazu gehört, dass man die Erinnerung an das Leiden der österreichischen Bevölkerung in der Besatzungszeit in den Kontext stellt mit den Verbrechen, die von Österreichern davor begannen wurden. Dazu gehört, dass man nicht nur die Erfolgsgeschichte des Wiederaufbaus lobt, sondern auch den pragmatischen Umgang mit Belasteten erklärt. Und dazu gehört, dass auch der Kanzler Worte und Taten für das findet, was Auschwitz heute repräsentiert.

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