WirtschaftsBlatt Kommentar vom 27.1.2005: Aufnahmsprüfungen: Das Los ist billiger - von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Hoffen wir einmal, dass der Europäische Gerichtshof nicht dem Ansinnen nachgibt, die österreichischen Studienzulassungsbedingungen aufzuheben, weil sie diskriminierend seien. Es wäre ja erst recht diskriminierend, wenn Österreich dazu verurteilt würde, auch noch die Versäumnisse der deutschen Bildungspolitik auszubaden - wir haben mit den eigenen genug zu tun. Hoffen wir das auch, weil alles, was man bisher als Lösungsmöglichkeit zu diesem Thema gehört hat, eher entmutigend klingt: Den Hochschul-Zugang durch den Notenschnitt im Maturazeugnis zu begrenzen - wie das in Deutschland geschieht - ist offensichtlich kein taugliches Mittel. Sonst hätte das Instrument, das in Deutschland ja seit Jahrzehnten praktiziert wird, dort wohl zu einem Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage geführt. Eben weil das offensichtlich nicht der Fall ist, haben wir ja das Problem mit den Numerus Clausus-Flüchtlingen.
Die Vorstellung, man könne den Ansturm auf besonders überlaufene Studienrichtungen durch strenge Aufnahmsprüfungen regulieren, verspricht noch weniger Effizienz: Es ist seit langem gesicherte Erkennt-nis der Pädagogik, dass punktuelle Prüfungen alles Mögliche testen (vor allem die Fähigkeit, unter Stress derartige Tests zu bestehen), aber eher nicht das Beherrschen des jeweiligen Stoffs oder bestimmter Fertigkeiten. Übrigens: Dasselbe gilt natürlich auch für diverse Pisa-Tests.
Jedenfalls aber haben derartige Prüfungen praktisch keine prognostische Relevanz dafür, ob der Delinquent geeignet ist, ein Studium einer bestimmten Fachrichtung zu absolvieren, geschweige denn sich später in einem bestimmten Beruf zu bewähren. Besonders absurd klingt in diesem Zusammenhang die Idee, Studenten vor Beginn des Studiums darauf zu testen, ob sie später gute Lehrer wären. Derart komplexe Fähigkeiten und Fertigkeiten sind schlicht nicht testbar -schon gar nicht vor Beginn jener Ausbildung, die den Studenten erst dazu in Stand setzen soll, den Beruf auszuüben. Der einzige Weg, unbrauchbare Lehrer auszusieben, ist, sie durch ihre schwachen Unterrichtsleistungen zu identifizieren und - wenn Nachqualifizierungsmassnahmen keinen Erfolg haben - zu kündigen. Fast genauso relevant wie die diskutierten Aufnahmsprüfungen - und jedenfalls weit billiger - wären schlichte Verlosungen der Studienplätze oder eine Auswahl gemäss Horoskop.

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