"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Tödlicher Leichtsinn" (Von Irene Rapp)

Ausgabe vom 26. Jänner 2005

Innsbruck (OTS) - Die Lawinenbilanz des vergangenen Winters sorgte für Schlagzeilen: Lediglich drei Tote waren in Tirol zu beklagen -so wenige wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Experten führten dies u.a. auf steigendes Risikobewusstsein bei den Wintersportlern zurück. Und freuten sich, dass die seit Jahren intensiv betriebene Aufklärungsarbeit über alpine Gefahren Früchte zu tragen schien. Weit gefehlt, könnte man nach den ersten Monaten des heurigen Winters sagen. So mussten Bergretter bereits fünf Lawinentote bergen. Ein sechstes Opfer in St. Anton ist noch nicht ausgegraben. Was immer wieder irritiert: In den letzten Tagen hatten der Lawinenwarndienst und Bergbahnenmitarbeiter gebetsmühlenartig auf die gefährlichen Verhältnisse hingewiesen. Doch in einem Winter, der bis vor kurzem nur durch Schneearmut von sich reden machte, scheint im Pulverhang der weiße Tod ausgeblendet zu werden.
In diesem Zusammenhang von Leichtsinn zu reden, ist daher legitim. Das Restrisiko, das im alpinen Raum immer besteht, muss durch Missachtung verschärfender Verhältnisse nicht noch vergrößert werden. Die Skikarte beim Verlassen der Piste abzunehmen, sollte aus diesem Grund möglich sein.
Doch genau dieses Restrisiko macht eine Verrechtlichung der Berge schwierig: Denn selbst mit bestem Wissen über Lawinen und bester Ausrüstung ist 100-prozentige Sicherheit nicht möglich. Immer wieder passieren Unfälle mit Bergführern oder verunglücken erfahrene Wintersportler - weil Naturereignisse eben nicht zu berechnen sind. Wobei ein Aspekt der Diskussion zu denken gibt: "Irre Selbstmörder" ist oft über jene zu hören, die von Lawinen verschüttet werden. "Lasst sie liegen" war kürzlich im Internet zu lesen. Dass nahezu täglich betrunkene Autofahrer Unfälle verursachen, wird unter den Tisch gekehrt. An solche tragischen Ereignisse hat man sich offensichtlich gewöhnt.

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