"Kleine Zeitung" Kommentar: "Eine vertane Chance macht noch lange keine Krise" (Von Josef Fröhlich)

Ausgabe vom 26.01.2005

Graz (OTS) - Es war Frank Stronachs Baby. Mit einer gigantischen Weltkugel wollte er Ende der neunziger Jahre groß ins Tourismusgeschäft einsteigen.

Bis zu 600 Millionen Euro hätte Stronach in das Projekt im niederösterreichischen Ebreichsdorf gepumpt, 3000 Arbeitsplätze geschaffen. Nix da. Es formierte sich Widerstand, es gab Bürgerinitiativen, Einsprüche. Stempel drauf: "Nicht genehmigungsfähig".

So mancher in Niederösterreich glaubte nach dem Scheitern der Weltkugel an den - nicht eingetretenen - wirtschaftlichen Weltuntergang.

Wie jetzt in Spielberg, wo die Vorgeschichte ähnlich ist. Ein Superreicher will investieren. Nicht in eine Weltkugel, in ein Motorsportzentrum. Es gibt abermals Widerstand und den gleichen Stempel: "Nicht genehmigungsfähig".

Die Stimmung ist am Boden. Verständlich, denn die Erwartungen waren enorm.

Doch ist wirklich schon wieder Weltuntergangsstimmung angesagt? Macht eine vergebene - zweifelsfrei einzigartige - Chance automatisch eine Krisenregion?

Mühsam und mit Erfolg hat sich das Aichfeld in den vergangenen Jahren von diesem Image entfernt, das einst tatsächlich zutraf. In den Siebzigern sperrt das Bergwerk Fohnsdorf zu - eine wirtschaftliche Hauptschlagader pulsiert nicht mehr.

Später die Verstaatlichten-Krise. Die wirtschaftliche Depression hört nicht auf; österreichweit hat das Aichfeld in dieser Zeit den zweifelhaften Ruf einer Krisenregion, der sich in den Köpfen festsetzt.

Legendär ist die Geschichte von einem Unternehmer, der Windräder produzieren will und sich bei einem Fohnsdorfer Politiker nach großen, leeren Hallen erkundigt. Er ist erstaunt, keine vorzufinden:
"Ich habe bei euch gesucht, weil ich dachte, hier steht alles leer."

Das war Mitte der neunziger Jahre, als sich die Region längst erholt hatte. Die Arbeitsmarktzahlen sind heute nicht überwältigend, aber auch nicht im Keller. Betriebe von Weltrang wie AT&S Fohnsdorf, Voest Eisenbahnsysteme und Bergtechnik in Zeltweg oder Judenburgs Stahlbetriebe greifen auf hochqualifiziertes Personal zurück. Wie sagte der Personalchef von AT&S? "Die besten Mitarbeiter gibt es in dieser Region."

Die Rennstrecke ist weg, das ist der echte Schaden, den es wiedergutzumachen gilt. Darüber hinaus wurde eine Chance vertan. Das ist zu wenig, eine Region zum wirtschaftlichen Notstandsgebiet auszurufen.

Die Politik muss freilich ihre Lehren ziehen. Wenn Investorenvertreibung zur Normalität wird, droht die echte Krise.****

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