WirtschaftsBlatt Kommentar vom 25.1.2005: Die Stachanows sollten dringend entlastet werden - von Peter Muzik

Wien (OTS) - Der Wiener Anwalt Karl Pistotnik ist ein gu-tes Beispiel für einen Jobmulti: Er fungiert als Vorstand von 30 Privatstiftungen, führt die Geschäfte von 32 GesmbHs, ist bei sechs Firmen Gesellschafter und sitzt obendrein in vier Aufsichtsräten. Der 60jährige schuftet somit für Klienten wie die Soravia-Brüder, Georg Stumpf oder die Raiffeisen-Gruppe mit einem Ehrgeiz, der dem Russen Alexei Stachanow weiland alle Ehre gemacht hätte. Der russische Held der Arbeit, der einer Bewegung zur Steigerung der Arbeitsproduktivität den Namen gab, hat bekanntlich 1935 in einer Kohlengrube im Donbass, in einer einzigen Schicht gleich 102 Tonnen Kohle gefördert und damit die übliche Arbeitsnorm um das Dreizehnfache überboten.
Dass auch Karl Pistotnik so extrem fleissig ist und daher nicht, wie die meisten von uns, nur eine einzige Aufgabe erledigt, auch nicht zwei oder drei, sondern gleich 72, geht allerdings völlig in Ordnung. Denn das ist allein seine Entscheidung, und würde er irgendeine seiner zahlreichen Posten vernachlässigen, wäre er ihn wohl umgehend los.
Deutlich kritischer zu sehen sind indes jene Fälle, wo Top-manager so viele Mandate bekleiden, dass sie eigentlich schon allein an Troubles zeitlicher Natur scheitern müssten - zum Beispiel weil sie einfach in zu vielen Gremien mitmischen. Beispiele hiefür gibt’s genügend:
Der oberösterreichische Raiffeisen-Zampano Ludwig Scharinger etwa sitzt in 18 Aufsichtsräten - macht allein 72 Sitzungen pro Jahr -, und er muss alles in allem mit 33 Funktionen fertig werden, u. a. seinen Job als General der Raiffeisenlandesbank OÖ. möglichst perfekt erledigen. Ebenso viele Mandate als Aufpasser hat der hauptamtliche RZB-General Walter Rothensteiner zu meistern: Er überwacht durchwegs grosse Brocken wie Uniqa, Casinos Austria oder Austrian Airlines. Auf nur einen Aufseher-Job weniger, nämlich auf 17, kommt Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad, und PSK-Boss Stephan Koren wiederum kontrolliert 13 Unternehmen, darunter Telekom Austria, Investkredit, Wiener Stadtwerke oder Wüstenrot.
Fazit: Für einen einzigen Menschen sind das mit grosser Wahrscheinlichkeit viel zu viele Neben-Gschaftln - unseres Erachtens wäre es daher vernünftig, die modernen Stachanows zu entlasten. Wir plädieren also - was auf politischer Ebene gerade diskutiert wird -für eine klare Reduktion von derartigen Jobs auf ein vernünftiges Mass. Das Maximum an AR-Mandaten sollte bei fünf liegen - die werden etwa von Wienerberger-Chef Reithofer oder Voest-Boss Eder ohne Mega-Stress bewältigt.

Rückfragen & Kontakt:

Redaktion WirtschaftsBlatt
Tel.: (01) 60 117/279
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001