"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Geprügelte Schule" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 22. Jänner 2005

Innsbruck (OTS) - Der erste Schock ist vorüber, jetzt geht es um die Konsequenzen. In wenigen Wochen treffen sich in Wien Vertreter aller am Schulwesen beteiligten Personengruppen zum Reformdialog. Das klingt, als gäbe es an den Schulen zu wenig an Reformen und im Schulwesen zu wenig an Dialog. Beides ist falsch. Es gibt wahrscheinlich zu viel an Reform und zu viel an Gespräch. Es fehlt nur an Ergebnissen. Aber kaum ein Bereich des Lebens wird derart flächendeckend von politischen und wissenschaftlichen Redeübungen, Expertisen und Tagungen heimgesucht wie das Schulwesen. In der Öffentlichkeit werden Schüler und Lehrer allgemein unter ihrem Wert gehandelt. Sie haben ein Recht auf Anerkennung, aber insbesonders Lehrer und Bildungspolitiker haben die Pflicht, endlich mit einigen Tabus zu brechen.
Die Schule ist keine Sache für den halben Tag. Weder für Lehrer noch für Schüler. Aber die Schulgebäude sind kaum geeignet, beide den ganzen Tag zu beherbergen. Dieser Unfug ist abzustellen. Lehrer brauchen Arbeitszimmer, Schüler solche für das Lernen in kleinen Gruppen, beide brauchen Räume zur Entspannung. Die Jausenecken in den Konferenzzimmern und die kleinen Kantinen in Gangnischen würden jedermann dazu verleiten, das Gebäude täglich ehestmöglich zu verlassen. Und erst wenn dieser erste Schritt gesetzt, sprich in die Schulgebäude gründlich investiert worden ist, lässt sich als zweiter der eigentlich notwendige setzen: mehr ganztägige Schulformen anzubieten.
Ein weiterer Unfug besteht ja darin, dass der öffentlich finanzierte Unterricht des Vormittags am Nachmittag seiner privaten Nachhilfe bedarf. Ein derartiges Schulwesen verweigert seinen Kunden Chancengerechtigkeit, weil ökonomische Leistungsfähigkeit der Familien über den Erfolg an der Schule mitbestimmt.
Österreich setzt mehr Gelder und Lehrer ein als der Durchschnitt vergleichbarer Länder. Aber gutteils offenbar falsch, sonst wäre es nicht zum PISA-Schock gekommen. Denn PISA ergab, dass ein erheblicher Anteil der Schüler nicht ausreichend gefordert oder gefördert wird. Aber wahrscheinlich stecken zu viele Kosten und Posten in der enormen Bürokratie und Politisierung des Schulwesens. Deren Rückzug aus dem Schulalltag ist dringend erforderlich.
Wenn der Reformdialog zu Österreichs Schulen beginnt, soll er auf vorhandenen Expertisen und Erfahrungen aufbauend gleich zu Ergebnissen kommen. Die Schulen brauchen keine weiteren Expertisen, sondern Entscheidungen.

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