"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der freie Zugang zu Österreichs Hochschulen ist nicht zu halten" (von Norbert Swoboda)

Ausgabe vom 21.01.2005

Graz (OTS) - Erneut befindet sich Österreich auf der Verliererstraße in der EU. Diesmal im Universitätssektor. Gestern hat der Generalanwalt in seinem Schlussantrag vor dem Europäischen Gerichtshof Österreich vorgeworfen, es diskriminiere ausländische Bewerber beim Zugang zu den Unis.

Österreich wird im Frühjahr fast sicher verlieren. Unmittelbare Konsequenz wird sein, dass Numerus-clausus-Flüchtlinge nach Österreich kommen werden. Insbesondere in der Medizin, wo über Nacht 23.000 in Deutschland abgewiesene Abiturienten plötzlich die Reize von Innsbruck, Wien oder Graz entdecken könnten.

Obwohl sich die Cause schon jahrelang hinzieht, blieb man hierzulande untätig. Jetzt wird klar, dass der freie Hochschulzugang so wie bisher nicht zu halten ist. Österreich kann ja nicht die Möchte-gern-Studenten halb Europas aufnehmen und dafür zahlen. Man mag das voraussichtliche Urteil für ungerecht und unfair halten, aber das Problem liegt tiefer.

Der freie Hochschulzugang ist seit 30 Jahren eine heilige Kuh. Hat jemand die Matura, kann er studieren, was er will. Ob er zum Arzt oder Lehrer geeignet ist, stellt er vielleicht selbst während des Studiums oder gar erst im Beruf fest.

Das Modell versprach Chancengleichheit - und führte zu überfüllten Hörsälen, Studienabbrüchen und Job-Frust. Die Unis erfanden zudem heimliche "Knockout"-Prüfungen mit oft absurden Hürden.

Jetzt zwingt uns die EU, diesen freien Hochschulzugang zu überdenken und zu reformieren. Ideen wie von der SPÖ, alles zu belassen wie bisher, aber mit Gebühren Ausländer abzuwehren, sind chancenlos. Vorerst abzuwarten, wie es Ministerin Elisabeth Gehrer vorhat, ist fahrlässig. Und dass wir die anderen EU-Staaten zu unserem System bekehren, wovon Studentenvertreter träumen, ist aussichtslos.

Eine Numerus clausus über Schulnoten ist kein Vorbild. Zu grotesk sind die Resultate, die solche Systeme liefern. Auch der Professorenwunsch, sich wenige, aber exzellente Studenten auszusuchen, ist kein Modell für ein öffentliches Bildungssystem.

Auswahlkriterien sind durchaus legitim, dürfen aber nicht primär der "Abwehr" dienen. Ziel muss der sorgsame Umgang mit den Talenten der Jugendlichen sein. Beratungen und Prüfungen müssten früh einsetzen, um Stärken der Schüler zu erkennen und sie von unsinnigen Wunsch-/Modestudien abzuhalten.

Viel Arbeit also und die Zeit drängt. Mit Abwarten oder reinen Ad-hoc-Maßnahmen werden wir auch bei der EU-Prüfungswiederholung scheitern. ****

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