DER STANDARD-Kommentar "Die Angst vor den Uni-Migranten" von Eva Linsinger

"Auch ohne EU-Spruch muss Österreich die Zustände an den Hochschulen ändern" vom 21.1.2005

Wien (OTS) - Busse voller Spanier, Züge voller Portugiesen, Riesengruppen von Polen: Solche Angstvisionen vor massenhaftem Andrang tauchen immer wieder in der EU auf. Bisher drehte sich die Sorge immer um Arbeitsmigranten - und war immer unberechtigt.

In Österreich erhält die Furcht vor dem Ansturm aus dem EU-Ausland nun ein neues Gesicht: Man fürchtet die Deutschen - konkret deutsche Studierende. Hat doch der Generalanwalt des EU-Gerichtshofs die Praxis für diskriminierend erklärt, nur österreichischen Maturanten freien Zugang zu den Universitäten zu gewähren und nur solche EU-Studierenden zu akzeptieren, die einen Studienplatz in ihrem Heimatland haben. Wenn dieser Stellungnahme in wenigen Monaten das Urteil folgt, könnten alle Studenten, denen etwa der Numerus clausus in Deutschland den Uni-Zugang verwehrt, nach Österreich ausweichen. Immerhin wird bei angehenden Akademikern mehr Bereitschaft zum Ortswechsel erwartet als bei anderen, daher scheint die Sorge vor der Massen-Übersiedlung nicht ganz unberechtigt.

Sollen sie doch kommen, wischt der Generalanwalt österreichische Ängste vom Tisch. Immerhin sei Mobilität von Studierenden ein EU-Ziel, und außerdem könne es Österreich nur nutzen, wenn bildungshungrige Menschen hereindrängen. Das Plädoyer für mehr Internationalität ist zwar ein schönes und hehres Argument -übersieht aber, dass Österreichs Unis in der EU ein Spezifikum sind:
Nur an ihnen gibt es freien Zugang ohne Beschränkungen. Alle anderen EU-Staaten haben zumindest für das Medizinstudium Zulassungsklauseln. In Deutschland werden jährlich mehr als 20.000 Möchtegern-Ärzte nicht zum Studium zugelassen - fast zehnmal so viele wie in Österreich ein Medizinstudium beginnen.

Auch darauf hat der Generalanwalt eine Antwort: Dann müsse Österreich eben Mindestnoten oder eine Aufnahmeprüfung einführen -kurz: den Sonderfall freien Hochschulzugang für beendet erklären. Angesichts dieser Vorschläge mögen zwar österreichische Politiker über Einmischung wettern - aber immerhin hat sich der Generalanwalt vorbereitet. Was man von heimischen Bildungsverantwortlichen nicht behaupten kann: Sie wissen zwar seit Jahren, dass dieses Urteil kommt, haben sich aber auf die Scheuklappentaktik Nichtstun beschränkt. Das ist zwar nicht sehr zielführend, entspricht aber der Praxis, herandräuende EU-Verurteilungen bis zum letzten Moment zu ignorieren.

Spätestens jetzt aber muss Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ihre Verweigerungshaltung aufgeben und Lösungen präsentieren. Ihre erste Ankündigung, den freien Hochschulzugang erhalten zu wollen, steht einem reichen Land mit niedriger Akademikerquote gut an - wird aber ohne konkrete Konzepte ein bisschen wenig sein. Schon jetzt wird der freie Zugang durch Beschränkungen über die Hintertür konterkariert.

Denn unabhängig davon, ob jetzt 20.000 oder nur drei deutsche Studierende kommen - die Universitäten sind auch ohne sie überlaufen. Akuter Personalmangel, Geldknappheit und räumliche Beengtheit bringen Forschung und Lehre schon jetzt an den Rand des Kollapses. In den Massenfächern ist die Betreuung schlicht skandalös, die Suche nach virtuellen Prüfern auf der Publizistik ist dafür nur das augenscheinlichste Extrembeispiel. Auch abseits der Sorge vor dem Ansturm von Studenten aus dem EU-Ausland drängen die Rektoren schon lange darauf, den Hochschulzugang zu diskutieren. Die Botschaft aus Luxemburg gibt ihnen neue Munition.

Wenn Gehrer klug ist, nutzt sie die Botschaft, den Unis endlich ausreichend Budget zuzugestehen, falls ihr der freie Hochschulzugang wirklich wichtig ist. Denn Weiterwursteln wie bisher hilft den österreichischen Akademikern in spe wenig. Es kann höchstens den schlechtesten aller Effekte haben: dass EU-Studenten deshalb nicht kommen, weil sie überfüllte Hörsäle und lange Warteschlangen für Lehrveranstaltungen abschrecken.

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