"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Nachgebessert" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 21.01.2005

Wien (OTS) - Der Kampf um die Übernahme der VA Tech durch Siemens geht in die entscheidende Runde. Siemens hat den Fehdehandschuh aufgenommen und bietet nun 65 statt bisher 55 Euro je Aktie. Das freut neben den diversen Kleinaktionären auch uns Steuerzahler:
Gelingt die Übernahme, bekommt die Verstaatlichten-Holding ÖIAG nun um 22,5 Millionen mehr als die 123,8 Millionen Euro, mit denen sie sich ursprünglich zufrieden gegeben hätte.
Von der üblichen ökonomischen Absurdität ist die Reaktion der SPÖ. Ihr Wirtschaftssprecher Johann Moser hat vor genau zehn Tagen den Rücktritt des ÖIAG-Aufsichtsratspräsidenten verlangt, weil "der Verkauf der VA Tech an Siemens tausende Jobs bedroht". Gestern waren ihm die Arbeitsplätze plötzlich völlig egal und er wirft dem ÖIAG-Management nur vor, zuerst zuwenig verlangt zu haben. Deshalb sollten nun "alle Organe" "sofort zurücktreten". Viel sind die VA Tech-Jobs den Sozialdemokraten also offenbar nicht wert.
Wie viel eben diese Arbeitsplätze allerdings wirklich wert sind, wird sich wohl erst in einigen Jahren zeigen. Die VA Tech bejubelt zwar nahezu täglich in Aussendungen neue Auftragseingänge aus aller Welt. Das kennt man allerdings aus der Vergangenheit auch von Unternehmen, die Schwierigkeiten vertuschen wollen: Schon im Kindergarten der Betriebswirtschaftslehre lernt man, dass nicht die Umsätze, sondern der Gewinn über den Erfolg eines Unternehmens entscheiden. Wohlmeinende Zaungäste - unter ihnen erst diese Woche der wirtschaftlich nicht ganz unerfahrene Ex-Kanzler Franz Vranitzky -haben Siemens schon vor der gestrigen Nachbesserung des Übernahmeangebots geraten, den industriellen Gemischtwarenladen namens VA Tech seinem Schicksal zu überlassen und sich nicht auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang einzulassen.
Siemens setzt jetzt allerdings jetzt ohnehin auf eine "Alles oder Nichts-Strategie". Bisher gab man sich mit 50 Prozent plus einer Aktie zufrieden, seit gestern macht der Multi die Übernahme davon abhängig, dass er mindestens 90 Prozent des Grundkapitals in die Hand bekommt. Die Latte liegt also hoch.
Scheitert die Übernahme neuerlich, wäre das eine schallende Ohrfeige für Siemens, aber auch für die ÖIAG. Die hat schon rund um voestalpine und Telekom bewiesen, dass sie das Spiel nicht beherrscht. Wofür der dortige Vorstand seine nicht unbeträchtlichen Gagen bezieht, wird angesichts der Ungeschicklichkeit bei den diversen Privatisierungsversuchen immer schwerer nachvollziehbar. Die Regierung hat offenbar die falschen Manager für diese Aufgabe ausgewählt. Wie teuer solche Fehler in der Personalpolitik zu stehen kommen, haben wir gerade erst beim vergoldeten Abgang des Ex-ÖBB-Chefs Rüdiger Vorm Walde zu spüren bekommen.

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