WirtschaftsBlatt Kommentar vom 21.1.2005: Das hätte Siemens früher haben können - von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Dass Siemens "wohl nichts anderes übrig bleiben (wird), als sein Angebot nachzubesssern" war an dieser Stelle bereits am 18. Dezember des Vorjahres zu lesen. Und spätestens seit am vergangenen Montag das eintrat, was wir für den Fall einer Nicht-Nachbesserung vorhersagten (nämlich eine Abstimmungsniederlage in der Frage der Stimmrechts-Beschränkung), war klar, dass dem VA Tech-Interessenten nur zwei Möglichkeiten blieben: Aufbesserung oder Rückzug.
Jetzt bessert Siemens das Angebot also auf 65 Euro auf, und damit dürfte die Sache gelaufen sein: Wer jetzt nicht verkauft, ist selbst schuld (mit Ausnahme der Belegschaftsvertreter natürlich, aber denen geht es ja nicht primär ums Geld) - denn mehr wird er für seine VA Tech-Aktien wohl lange nicht bekommen.
Trotzdem muss man - im Wissen um das, was seither geschehen ist -Siemens für diese Strategie Recht geben: Der Konzern hat halt hoch gepokert und eigentlich nur knapp verloren. Immerhin haben am Montag 73,3 Prozent der vertretenen Stimmrechte für die von Siemens gewünschte Statutenänderung votiert. Wäre es gelungen, nur 1,8 Prozentpunkte mehr auf die eigene Seite zu bringen, hätte Siemens das Ziel erreicht - und sich dabei 153 Millionen Euro erspart, jenen Betrag, um den sie jetzt ihr Angebot erhöhen musste.
Schon im Interesse der eigenen Aktionäre ist es mehr als legitim, dass Siemens an dem 55-Euro-Angebot festhielt, so lange noch eine realistische (wenn auch geringe) Chance bestand, auch mit diesem Angebot ans Ziel zu kommen.
Gleichzeitig hatten auch alle Spekulanten Recht, die nach dem Siemens-Angebot zu höheren Kursen zugekauft haben: Um die alleinige Macht bei VA Tech übernehmen zu können, hätte Siemens auf jeden Fall auch diese Aktien (wie wir vorgerechnet haben, rund 25 Prozent der gesamten Firmenanteile) auf jeden Fall aufkaufen müssen. Und die hätte Siemens auf keinen Fall um 55 Euro je Stück bekommen. Allerdings hätte diese Nachbesserung nicht zwingend in einem Zug mit der Firmenübernahme stattfinden müssen, da für die bestimmende Mehrheit im Unternehmen ja 50 Prozent und eine Aktie genügen - sobald die Stimmrechtsbeschränkung weggefallen ist. Und bei einem späteren Nachkauf hätten Kovats, ÖIAG & Co keine Nachbesserung erhalten. Siemens hätte sich zig Millionen erspart.
Gut gepokert - wenn auch knapp verloren.

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