"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Macht der Sprache" (Von Gabi Starck)

Ausgabe vom 20. Jänner 2005

Innsbruck (OTS) - Sprache hat Macht. Sie kann beschönigen, verschleiern, verunglimpfen und entwürdigen. Beispiele dafür sind Begriffe wie "Schübling" für abgeschobene Asylwerber, "ethnische Säuberung" für Völkermord, "Wohlstandsmüll" für arbeitsunwillige oder -unfähige Personen. Derart abstrahierte Sprache nimmt Entsetzlichem den Schrecken, dem Menschen die Persönlichkeit. Wird diese Sprache gezielt eingesetzt und unreflektiert übernommen, beeinflusst sie das Denken und Tun aller.
Das ist der Grund, warum alljährlich Sprachwissenschafter das Unwort - also den sprachlichen Missgriff des Jahres - wählen. Sie mahnen damit zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Sprache der Mächtigen und jedes Einzelnen. Doch der Ruf verhallt ungehört:
Bereits 1999 wurde der Begriff Kollateralschaden - die abstrakte und verharmlosende Umschreibung für zivile Kriegstote - zum Unwort erklärt, doch während des Irak-Kriegs rauschte das Wort wieder durch den Blätterwald und über den Äther.
Ähnlich verhält es sich mit dem am Montag bekannt gegebenen deutschen Unwort des Jahres 2004: "Humankapital" ist ein in den 60er-Jahren geprägter Fachausdruck aus der Volkswirtschaft und beschreibt die Gesamtheit der wirtschaftlich verwertbaren Fähigkeiten von Personen. Fachsprache verkürzt und abstrahiert notwendigerweise. Das nimmt ihr aber nichts von ihrer Unmenschlichkeit. Humankapital ist und bleibt ein Unwort, weil es den Menschen berechnet, ihn entpersonalisiert und hinter wirtschaftliche Interessen stellt. Demselben Muster entspricht übrigens der in der Gesundheitspolitik und von der Innsbrucker Klinikverwaltung so gerne gebrauchte Begriff des Patientenguts für kranke Menschen.
Es ist höchste Zeit, achtsam zuzuhören, derartige Wortschöpfungen auf die Goldwaage zu legen und die Dinge endlich wieder beim Namen zu nennen. Auch wenn es unbequem ist.

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