WirtschaftsBlatt Kommentar vom 20.1.2005: Bildung ist ungeeignet für Parteihickhack - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Bildung ist über Nacht zu einem grossen Diskussionsthema geworden. Etwas Besseres kann eigentlich nicht passieren. Lehrerausbildung, Pisa-Studie, Gesamtschule, Eliteuniversität, offener Zugang zu den Hochschulen - die einzelnen Kapitelüberschriften täuschen nicht darüber hinweg, dass alles zusammenhängt und nur ganzheitlich zu behandeln ist. Es geht nicht um die Rettung eines Schulsystems, sondern um die Zukunftssicherung für Österreich.
Jetzt kommt auch noch ein drohendes Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) dazu. Dieser könnte Österreich schon sehr bald zwingen, die Universitäten auch für Ausländer uneingeschränkt zu öffnen. Bisher werden in Österreich nur jene ausländischen Studierwilligen zugelassen, die auch in ihrem eigenen Land einen Studienplatz bekämen. Das ist praktisch, kann aber als diskriminierend ausgelegt werden. Fällt diese Regelung dem EuGH zum Opfer, würden zahlreiche Studenten, die etwa in Deutschland am Numerus Clausus scheitern, nach Österreich fluten.
Kommt es wirklich so? Jedenfalls wäre es gut, schon jetzt Modelle auszuarbeiten, um für den Fall gewappnet zu sein. Einzelne Rektoren werden ja schon deutlich unruhig, weil sie eine unbewältigbare Situation voraussehen. Von den 185.000 Studierenden ist jeder sechste ausländischer Herkunft. Das ist gut, weil Österreich auch auf dem Bildungssektor internationale Ausstrahlung haben möchte. Aber die Aufnahmefähigkeit kann nicht unbegrenzt sein.
Was keinesfalls passieren darf, ist die Wiederholung der Ökopunkte-Posse: Dass sich nämlich Politiker und Funktionäre jeder Färbung und aller föderalen Ländereien aufplustern und behaupten, sie würden es "denen in Brüssel" schon zeigen. Um danach kleinlaut und ziemlich ramponiert einzulenken. Wenn der EuGH eine Öffnung der Universitäten erzwingt, wird Österreich entweder mit der Flut von Neu-Inskribenten fertig werden oder eine andere, nicht-diskriminierende Form der Regulierung finden müssen. Im Extremfall hiesse das: Zugangsbeschränkung auch für Österreicher, so wie es sie in Deutschland gibt.
SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer hat im Zusammenhang mit der Pisa-Studie zur nationalen Kraftanstrengung aufgerufen und den Verzicht auf parteipolitisches Hickhack mittels parlamentarischer Sperrminoritäten angeboten. Manche Gusenbauer-Worte machen Sinn. Es geht darum, die Bildung zu retten und eine Situation zu vermeiden, dass nur noch von Bildungsmisere gesprochen wird.

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