WirtschaftsBlatt Kommentar vom 15.1.2005: Er war doch toll, dieser Staatsvertrag - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Österreichs Jubiläumsjahr inspiriert die kreative Branche der Begriffsbesetzer. Deren neues Objekt ist die jüngere Vergangenheit Österreichs, markierbar mit den Stichworten Staatsvertrag und Neutralität.
In der Zentrifuge des öffentlichen Diskurses wirbeln die Begriffe wild durcheinander, es wird auch gelötet, legiert und verschmolzen:
Staatsvertrag neben missglückter Entnazfizierung, Neutralität neben Trittbrettfahrerei, dazu jeweils ein Teelöffel Antisemitismus und Asylantenhatz. Machen wir also aus dem Jubiläumsjahr ein Jahr der Schande: Seht her, so sind wir Österreicher, wahrscheinlich schon seit den Babenbergern nicht besser.
Bloss: Der Staatsvertrag, der durch seine Obsoleterklärung richtigerweise nur noch im Schaukasten der Geschichte vorkommt, war von 1955 an mehr als drei Jahrzehnte gelebte Gegenwart. Er bot den österreichischen Politikern Handlungsspielraum, der Wirtschaft Entfaltungsmöglichkeit im damaligen Ostblock, und dem ganzen Volk eine Freiheit, von der die Deutschen im Osten ebenso wie im Westen ihres zerstückelten Landes nur träumen konnten. Es weiss ja kaum jemand, dass der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer aus Wut über das, was die Österreicher 1955 aus einer Kombination von Glück und Zähigkeit errangen, den deutschen Gesandten aus Wien abzog.
Wenn österreichische Wirtschaftstreibende, Banken, Versicherungen und Dienstleister nach 1989 rasch und erfolgreich nach Osteuropa vorstiessen, so schlossen sie an eine jahrzehntelange Tradition an. Ostpolitik hiess sie damals, und die Wirtschaft profitierte davon. In der Politik liegen Fiktion und Realität sehr nahe. Hätte die Neutralität dieses kleine Land jemals vor einer Kollision der Supermächte geschützt? Natürlich nicht. Aber so lange es eine solche nicht gab, war der von den sowjetischen Machthabern anerkannte und mitunter sogar schulmeisterlich begleitete Sonderweg Österreichs ein brauchbares, funktionierendes Modell dynamischer Staatspolitik zwischen starren Blöcken.
Das alles zur ruhmlosen Legende umzustempeln ist kurzsichtig. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte muss es selbstverständlich immer geben. Sobald sie aber mit dem Fanatismus von Selbstgeisslern betrieben wird, geht der Blick für die Zukunft verloren. Um sie muss sich die Nation heute genau so bemühen wie 1955.
Aber zu bewältigen ist sie nur mit neuen Ideen, nicht mit der Verurteilung von alten.

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