Qualitätssicherung im Spital: "Österreich braucht eine geänderte Fehlerkultur"

Hochkarätige Experten diskutieren über "Fehler im Krankenhaus" - Wichtigste Frage: Wie kann man Fehler zukünftig vermeiden?

Wien (OTS) - Eine Absage an den häufig verwendeten Vergleich des Risikomanagements im Flugverkehr mit Qualitätssicherungssystemen in der Medizin erteilte gestern, Donnerstag, Abend Stephan Kriwanek von der Chirurgischen Abteilung der Krankenanstalt Rudolfstiftung im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung der Ärztekammer für Wien im Radio-Kulturhaus. Patienten seien keine Maschinen und ein Operationssaal wesentlich komplexer als ein Cockpit. "In der Luftfahrt lassen sich Kontrollmechanismen problemlos zwischenschalten, beim Arzt, der operiert, geht das aber nicht."****

Einzige Ausnahme laut Kriwanek: "Auch in der Medizin gibt es gute Simulatortrainings-Programme, ähnlich jenen der Pilotenausbildung." Allerdings fehle in Österreich das nötige Geld für einen flächendeckenden Einsatz. Daher müsse man auf andere qualitätssichernde Maßnahmen zurückgreifen, allen voran die Etablierung eines entsprechenden Arbeitszeitkonzepts, das ausgeruhte Ärztinnen und Ärzte sichere.

Anders der Zugang von Norbert Pateisky, Leiter der Abteilung für Risikomanagement und Patientensicherheit an der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde. Er sieht die Ursachen für Fehler im Krankenhaus einerseits in technischen Faktoren wie komplizierte und uneinheitliche Geräte sowie in den menschlichen Faktoren wie Stress, Arbeitsdruck und Zeitmangel. "Was wir in Österreich brauchen ist eine geänderte Fehlerkultur sowie mehr Verständnis für die menschlichen Schwächen und Grenzen." Das bedinge eine professionelle Fehleranalyse und das Trainieren von Teamskills unter einer vernünftigen Spitalshierarchie. Letztlich seien schwache Systeme für Qualitätsmängel im österreichischen Gesundheitssystem verantwortlich und nicht schwache Menschen. Und: Die Erfahrungen aus der Flugsicherung könnten sehr wohl als Vorbild für die Medizin herangezogen werden.

Kogelbauer: "Qualitätssicherung passiert täglich in unseren Spitälern."

Gabriele Kogelbauer, Vizepräsidentin und Spitalärztevertreterin der Ärztekammer für Wien, argumentierte, dass man in Österreich hinsichtlich Qualitätssicherung das Rad nicht neu erfinden müsse. "Die österreichischen Spitalsärzte haben sich seit jeher um Qualitätssicherung in ihren Häusern bemüht, und Österreich arbeitet auch bereits mit sehr guten Qualitätssicherungsprogrammen."

Kogelbauer befürwortet den Einsatz von neuen Techniken, sie warnt jedoch vor neuer und zusätzlicher "Dokumentationsbürokratie" für die österreichischen Spitalsärzte. Kogelbauer: "Wenn ich jede Minute meiner Tätigkeit dokumentieren muss, geht mir diese Zeit beim Patienten ab." Nun sei die Politik gefordert, geeignete Lösungen zu finden, wie die Ärzteschaft wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Aufgabe, nämlich die Betreuung von Patienten, finden könne. Zusätzlich müsse man den Spitalsärzten die Möglichkeit geben, an Kommunikationstrainings und moderierten Besprechungen teilzunehmen. "Solche Maßnahmen können in höchstem Ausmaß dazu beitragen, Fehler im Krankenhaus zu verhindern", so Kogelbauer.

Die Bedeutung von Kommunikationsmängeln im Bereich der Qualitätssicherung hob auch der Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Krankenhausorganisation in Wien, Herbert Stekel, hervor. Schadenersatzzahlungen seien zu 99 Prozent auf Kommunikationsmängel zurückzuführen. Durch geeignete Maßnahmen sei dies an seiner Abteilung am AKH Linz auf ein Zehntel reduziert worden.

Warnung vor Panikmache

Gerald Bachinger, Sprecher aller Patientenanwälte Österreichs, ist davon überzeugt, dass Panikmache der falsche Weg sei. "Das Wichtigste ist das Vertrauen der Patienten in die Behandler." Voraussetzung dafür sei aber, dass alles unternommen werde, dieses Vertrauen auch rechtzufertigen. Bachinger verwies darauf, dass in Österreich cirka 6000 Fälle jährlich an die Patientenanwaltschaften herangetragen würden. Nur 10 bis 15 Prozent davon seien nach Abschluss des Verfahrens als "definierte medizinische Behandlungsfehler" anzusehen. Allerdings: "Was wir Patientenanwälte vorgelegt bekommen, entspricht sicherlich nicht der kompletten Realität." Die Dunkelziffer der Behandlungsfehler sei wesentlich höher.

Manuela Bartosek, Wirtschaftsmediatorin mit Spezialgebiet Konflikte im Krankenhaus, verwies in ihrem Statement auf die besondere Relevanz der Unternehmenskultur in Krankenhäusern. Woran es in den österreichischen Spitälern mangle, sei die fehlende Kommunikation zwischen Abteilungsleitern und ihren Teams sowie zwischen Arzt und Patient. Bartosek: "Ein funktionierendes Team produziert nicht nur weniger Fehler am Patienten, sondern schafft auch Vertrauen untereinander und somit die Basis für eine langfristige Qualitätssicherung im Spitalsbereich." (bb/hpp)

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