SPÖ-Neujahrskonferenz: Bildungsdiskussion (2) - Niederwieser kritisiert Reformuntätigkeit der Regierung

Finnischer Bildungsexperte Domisch über Erfolge des finnischen Bildungssystems

Wien (SK) Kritik an der aktuellen bildungspolitischen Untätigkeit der Regierung übte SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser im Rahmen der Podiumsdiskussion "PISA - was nun?" bei der SPÖ-Neujahrskonferenz am Donnerstag in Wien. Für ihn ist es unverständlich, "warum von der Bekanntgabe der PISA-Ergebnisse Anfang Dezember bis zum ersten Reformdialog Mitte Februar zweieinhalb Monate vergehen müssen". Einblicke in die Erfolgsfaktoren des Bildungssystems des PISA-Siegers Finnland gab Rainer Domisch vom finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen. Er verwies auf die seit Jahrzehnten anhaltenden Reformen im finnischen Schulsystem und die allgemein anerkannte "Schule für alle" bis zum 14. Lebensjahr. ****

"Schule ist eine ständige Herausforderung, Bildung eine Entwicklung und kein Zustand", beschrieb Domisch die Einstellung der Finnen zum Thema. Ende der sechziger Jahre sei die "Schule für alle" bis zur 9. Schulstufe eingeführt worden und heute allgemein anerkannt. Befürchtungen, damit würde das Bildungsniveau sinken, seien nicht eingetreten - im Gegenteil. Weiters sei die inhaltliche und personelle Verantwortung auf die Kommunen übertragen worden, tiefgreifende Lehrplanreformen in den 80er und 90er Jahren hätten das System weiterentwickelt, "und heute machen wir uns schon Gedanken, wie die Schule im Jahr 2015 aussehen soll", so Domisch. Auch die Abschaffung der Schulinspektoren und die gleichzeitige Einführung der Evaluierung einzelner Schulen habe gewaltige Verbesserungen gebracht, berichtete Domisch.

Gimpl: Zwei Stunden zusätzlich an der Volksschule für Leseförderung

Auf einzelne Problembereiche der österreichische PISA-Ergebnisse ging Herbert Gimpl, amtsführender Landesschulratspräsident in Salzburg ein. So sei die schlechte Motivation der Schülerinnen und Schüler v.a. für Mathematik auch das Resultat einer schlechten pädagogisch-didaktischen Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer, nicht nur an den Universitäten, sondern auch an den pädagogischen Akademien. Auf die hohe Anzahl - 20 Prozent -der extrem leseschwachen Kinder verweisend, forderte Gimpl weiters zusätzliche Leseförderung. Bildungsministerin Gehrer habe 2003 die Stundentafel für die Volksschule um zwei Stunden reduziert - "geben wir den Volksschulen diese zwei Stunden zweckgewidmet für Leseförderung zurück!", forderte Gimpl. Zur Behebung des bestehenden bildungspolitischen "Reformstaus" sei das "Aufmachen" der Zwei-Drittel-Mehrheit in vielen schulpolitischen Bereichen notwendig.

Kircher-Kohl: "Nie mehr Schule"-Mentalität katastrophal für berufliche Weiterbildung

Die PISA-Debatte aus Sicht der Wirtschaft beleuchtete Monika Kircher-Kohl, Vorstandssprecherin von "Infineon". Die PISA-Studie habe auch "soft facts" zutage gebracht wie etwa eine negative "Fehlerstruktur", wo nicht nach der Ursache von Fehlern gesucht werde, sondern gefragt werde, wer den Fehler begangen habe. Auch mangelnde Teamarbeit oder das Nichterlernen, Wissen zu teilen, seien Auswirkungen des Schulsystems, die dann im Berufsleben nachteilig sind. Eine "Nie mehr Schule"-Mentalität habe schließlich katastrophale Auswirkungen auf das immer wichtiger werdende lebensbegleitende Lernen, erläuterte Kircher-Kohl.

Kadlec: "Unser Schulsystem komplett umkrempeln"

"Das österreichische Schulsystem ist veraltet, hierarchisch strukturiert und grenzt aus", kritisierte Kim Kadlec, Bundesvorsitzende der Aktion kritischer SchülerInnen in ihrem Statement. PISA habe gezeigt, welche negativen Auswirkungen das hat. Das heimische Schulsystem müsse komplett umgekrempelt werden. Kadlec sprach sich für eine "Diskussion ohne Scheuklappen, aber durchaus auch ideologisch geführt" aus. Die Gesamtschule wäre wesentlich, um mehr Chancengleichheit in das Bildungssystem zu bringen, die Ganztagsschule hätte auch enorm positive Auswirkungen für die Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen. Kadlec forderte abschließend aber auch, dass die Schülerinnen und Schüler in die Reformdebatte einbezogen werden. "Wir fordern eine Schule, in der nicht aufgrund wirtschaftlicher Leistungskriterien ausselektiert wird, in der Schülerinnen und Schüler auch selber über ihren Bildungsweg entscheiden können." (Schluss) ah

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