SPÖ-Neujahrskonferenz: Bildungsdiskussion (1) - Günter Haider lobt "viele richtige und wichtige Vorschläge im SPÖ-Bildungsprogramm"

Wien (SK) Ausdrückliches Lob für die "vielen richtigen und wichtigen Vorschläge im neuen SPÖ-Bildungsprogramm" gab es am Donnerstag von Günter Haider, dem PISA-Leiter für Österreich und Vorsitzenden der Zukunftskommission. Bei der Diskussion zum Thema "PISA - Was nun?", die im Rahmen der SPÖ-Neujahrskonferenz stattfand, kritisierte Haider auch das "Handlungs- und Entscheidungsdefizit" hinsichtlich bildungspolitischer Reformen und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass sich das bald ändern werde. Haider präsentierte eine acht Problemfelder umfassende "Sorgenliste". ****

An der Bildungsdiskussion nahmen neben Haider außerdem Monika Kirchler-Kohl, Infineon-Vorstandssprecherin, Rainer Domisch (Zentralamt für Unterrichtswesen, Helsinki), der Salzburger Landesschulratspräsident Herbert Gimpl und AKS-Bundesvorsitzende Kim Kadlec teil. Moderiert wurde die Diskussion von SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal und SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser, unter deren Leitung das SPÖ-Bildungsprogramm erstellt wurde.

Günter Haider präsentierte als "gnadenloser Richter des Bildungssystems" eine acht Sorgen umfassende Sorgenliste. Die erste Sorge gelte der allgemeinen Leistungsfähigkeit: Produziert würden bestenfalls mittelmäßige Lernergebnisse, wie die PISA-Studie belege. Für Haider ist dies ein "mehr als deutliches Alarmzeichen"; den Grund dafür sieht er in der Überbewertung der Leistungsbeurteilung und der daraus folgenden mangelnden Nachhaltigkeit.

Sorge Nummer zwei sei, dass die mittelmäßige Leistung mit hohen Kosten verbunden sei. "Was passiert mit dem Geld, können die Summen ergebnisorientierter eingesetzt werden?", so Haider, der betonte, dass er sich schon lange vergeblich um aussagekräftige Daten bemühe. Drittens müsse man bei den Schülern Schwächen im anspruchsvollen kognitiven Bereich feststellen - z.B. beim Interpretieren von Daten oder im Ziehen und Formulieren von alternativen Schlüssen. Die Schüler Ostasiens oder Finnlands und Hollands seien den österreichischen Schülern hier weit voraus. Viertens sei eine "erschreckend niedrige Motivation im Unterricht" festzustellen. Österreichs Schüler hätten im Ranking das niedrigste Interesse für Mathematik und Naturwissenschaften, und unsere Schüler wüssten nicht, wozu sie das Erlernte brauchen; damit werde die Schule zu einer zusätzlichen Belastung für die Jugendlichen.

Sorge Nummer fünf gelte der Schwäche in Mathematik und Lesen. Ein Fünftel der Schüler sind schlechte Leser, sieben Prozent haben überhaupt kein Leseverständnis und 20 Prozent haben schwere Lesemängel. Auch in Mathematik haben 20 Prozent der Schüler erhebliche Schwierigkeiten. Diese Zahlen seien in Österreich mehr als doppelt so hoch wie in den meisten anderen europäischen Ländern. Sechstens kritisierte Haider den hohen sozioökonomischen Einfluss auf die Leistung. Kinder aus benachteiligtem sozialen Milieu verfügten nicht über die gleichen Chancen. Maßgeblich dafür verantwortlich seien laut Haider die frühe Trennung der Kinder im Schulsystem und die mangelnde Förderung der Kinder. Siebentens herrsche eine Ungerechtigkeit im System - v.a. durch die Beurteilung der Schüler, bei der wiederum Kinder aus höheren sozial-ökonomischen Milieus begünstigt würden.

Die achte Sorge gelte schließlich dem enorm angewachsenen Reformstau. Wie Haider betonte, habe es seit der Schulreform 1962 keine größeren Reformen mehr gegeben, was u.a. auf die Notwendigkeit einer Zwei-Drittel-Mehrheit zurückzuführen sei. Dadurch sei es zu einer "niedrig schwelligen Bildungspolitik" gekommen. Die Zukunftskommission, so Haider, habe schon im Oktober 2003 ein umfassendes Reformkonzept vorgelegt; ausdrücklich lobte der Vorsitzende der Zukunftskommission auch "die vielen richtigen und wichtigen Vorschläge im neuen SPÖ-Bildungsprogramm"; leider herrsche aber immer noch ein Handlungs- und Entscheidungsdefizit. "Österreichs Schüler verdienen ein modernes, gerechtes und innovatives Schulsystem, und ich hoffe, dass es bald dazu kommen wird", so Haider zum Abschluss seines Redebeitrages.

Broukal: "Dann sagen wir statt Ganztagsschule eben Tageslichtschule"

Broukal betonte, dass es eine Binsenweisheit sei, dass die Abwesenheit von Unterricht und die Wegnahme von Förderung zu einer Wegnahme von Bildung führe. Tatsache sei, dass die Zahl der Schüler unter fünf Jahren Bildungsministerin Gehrer um vier Prozent, die Zahl der Lehrer um 12 Prozent gesunken sei, und die Unterrichtsstunden um zehn Prozent gekürzt worden seien. Bezugnehmend auf die ÖVP hielt Broukal fest: "Wenn NR-Präsident Khol das Wort Ganztagsschule nicht gefällt, dann sagen wir eben 'Tageslichtschule', und die Gesamtschule nennen wir einfach Schule." Wichtig sei einfach, dass jeder Schüler auf seinem Niveau gefördert wird, dass es keine zu frühe Trennung im Schulsystem gibt, denn Faktum sei, dass die schwächeren bei einer gemeinsamen Schule besser und die besseren Schüler noch besser werden, nicht umgekehrt, wie von der ÖVP behauptet. Europäische Beispiele würden dies belegen.

Broukal ortet insgesamt Unruhe in der ÖVP, ausgelöst durch das schlechte Abschneiden Österreichs bei PISA II. "PISA ist keine Ideologie einer Partei, sie ist kein Wolkenkuckucksheim einer linken Pädagogik, sondern wir haben es mit knallharten Fakten zu tun", so Broukal, der auf den steirischen ÖVP-Landesgeschäftsführer Schnider verwies, der wie ein "Prediger in der Wüste" die Ganztagsschule fordere, "aber leider sitzt in seiner Kirche niemand". Die SPÖ in den Bundesländern bereite bereits Schulprojekte vor und zeige die notwendige Bereitschaft, so der SPÖ-Wissenschaftssprecher, der hofft, dass Bewegung in die Sache kommt. (Forts.) cs

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