Umweltdachverband zur Biodiversität: Österreich ist keine Insel der Seligen - Rote Listen werden länger!

- Umweltdachverband fordert volle Konzentration auf UN-Ziel "Stopp des Artenverlustes bis 2010" - Bundesnaturschutzkompetenz und mehr Ressourcen notwendig

Wien (OTS) - "Auf dem UN-Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung im Jahr 2002 in Johannesburg haben sich die Staats- und Regierungschefs verpflichtet, bis 2010 den Verlust an biologischer Vielfalt zu stoppen. Dieses Ziel 2010 ist Teil der Biodiversitätskonvention, die von Österreich 1994 ratifiziert wurde. Sehr zurecht, denn gerade die Alpenrepublik ist durch das Zusammentreffen unterschiedlicher Ökosysteme auf engstem Raum ein veritabler ,Hot Spot‘ der biologischen Vielfalt", sagt Dr. Gerhard Heilingbrunner anlässlich der Veranstaltung "Vielfalt sichern", die heute zum 10-jährigen Jubiläum der Ratifizierung des Internationalen Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) in der Wiener Urania über die Bühne geht. Der Präsident des Umweltdachverbandes betont weiters, dass es hoch an der Zeit sei, nicht nur die Bedeutung und die Gefährdung der biologischen Vielfalt öffentlich und bewusst zu machen, sondern auch einen neuen Anstoß zu geben, die Aufgaben zu deren Erhaltung engagiert umzusetzen.

Kein Platz mehr für Vielfalt?

In unserem Land sind derzeit schätzungsweise rund 50.000 Tierarten sowie rund 3.000 Farn- und Blütenpflanzen beheimatet. Doch wie ist es um deren Erhaltung wirklich bestellt? Von den rund 3.000 wild wachsenden Pflanzenarten sind rund 40 Prozent, von den 97 Säugetierarten ist rund die Hälfte auf der "Roten Liste" zu finden. Ganz ähnlich ist die Lage hinsichtlich der Roten Liste gefährdeter Biotope: In Österreich trifft man 61 verschiedene Grünlandtypen an -mehr als 90 % dieser Wiesentypen sind jedoch gefährdet. Faktum ist daher: Der biologische Reichtum in Österreich schwindet - ein Verlust, der auch uns Menschen trifft, da wir ja selbst ein Teil dieses Systems sind und Verantwortung für dieses "Naturerbe" tragen sollten. Die Trendumkehr in Richtung "Ziel 2010: Stopp des Artenverlustes" ist noch nicht erreicht. Biologische Vielfalt ist ein essentieller Baustein für unsere Lebensqualität - denken wir etwa nur an eine abwechslungsreiche Landschaft und unterschiedlich schmeckende Apfelsorten. Durch die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt schützt der Mensch gleichzeitig seine eigenen Lebensgrundlagen. Doch diese Mannigfaltigkeit ist zunehmend bedroht. "Viele artenreiche Magerwiesen oder Almweiden werden heutzutage aufgelassen, verbuschen und verwalden und bestimmte Arten verlieren damit ihren Lebensraum. Im Gegenzug wird auf den verbliebenen Flächen der Gunstlagen intensiviert und damit auch dort die Vielfalt zurückgedrängt", konstatiert Heilingbrunner. Schleichende Landschafts- und Lebensraumzerstörung sowie Flächenverbrauch - etwa 20 Hektar pro Tag, das sind rund 30 Fußballfelder! - schreiten in der Kulturlandschaft durch Verbauung, Zerschneidung, neue Verkehrswege, Nutzungsintensivierung oder Eintrag chemischer Substanzen unaufhörlich voran und verdrängen Biotope und Lebensrauminseln vieler Arten. "Nach wie vor werden mehr Flusskilometer begradigt und verbaut als renaturiert. Szenarien, die zumeist unspektakulär erscheinen, bei denen es sich jedoch um eine der größten Herausforderungen für Raumordnung, Natur- und Artenschutz handelt", so Heilingbrunner.

Schutzstatus allein reicht nicht aus - Politik muss handeln!

Weiters ist unübersehbar, dass viele Schutzgebiete und Artenschutzprogramme nur auf dem Papier existieren, effektive und nachhaltige Schutzmaßnahmen jedoch Mangelware sind. Ob die Schutzgebiete ihren Schutzzweck eigentlich erfüllen, ist oft mangels entsprechender Bestandserhebungen oder Evaluierungen im Detail nicht bekannt. Nicht einmal der Mehrfachschutz von Landschaften garantiert einen aktiven Schutz einzelner wertvoller Flächen und eventuell notwendiger Managementmaßnahmen - wie beispielsweise Erschließungsprojekte auf Bundesforste-Flächen im steirischen Teil des Dachsteingebietes und des Toten Gebirges zeigen. "Die Politik ist hier gefordert, die notwendigen Ressourcen bereit zu stellen und die Sicherung der Schutzgebiete wirklich ernst zu nehmen", stellt Heilingbrunner fest. Genauso wichtig ist auch die saubere, österreichweit einheitliche Erfüllung der EU-Naturschutzrichtlinien sowie die konsequente Umsetzung internationaler Konventionen. "Praktisch kein österreichisches Bundesland erfüllt die oft bereits jahrelang geltenden Schutzverpflichtungen - die sich etwa aus den EU-Naturschutzrichtlinien oder aus internationalen Konventionen, wie der Biodiversitäts-, Alpen- oder Ramsar-Konvention ergeben", sagt Heilingbrunner. Hinzu kommt eine Konzentration der Naturschutzfinanzmittel des Bundes auf Nationalparks, während andere wichtige Großschutzgebiete wie Naturparks, UNESCO-Biosphärenparks oder -Welterbegebiete praktisch keine finanzielle Förderung durch die Republik erfahren. "Durch die Neuausrichtung der gemeinsamen Agrarpolitik mit einer verpflichtenden stärkeren Förderung von naturschutzbezogenen Maßnahmen und Programmen besteht ab 2007 die realistische Chance, diesen Missstand abzustellen", sagt Heilingbrunner. Über Bundesländergrenzen hinweg wird nach wie vor nicht effektiv zusammengearbeitet. Zur Erhaltung der Vielfalt mangelt es auf allen Ebenen an fachkundigem Personal sowie an Finanzmitteln, vor allem aber am politischen Willen. "Nur wenn alle Bundesländer und der Bund an einem Strang ziehen, kann effektiver Naturschutz gelingen", erklärt Heilingbrunner und erneuert die Forderung des Umweltdachverbandes an den Österreich-Konvent, eine Bundesrahmennaturschutzkompetenz zu schaffen.

Zum Ziel 2010 durchstarten

"Auch die zentrale Bedeutung von Bildung, Kommunikation, Information und Bewusstseinsbildung zur Erreichung der Ziele im Natur- und Artenschutz ist völlig verkannt. Das Ziel 2010 - Stopp des Artenverlustes bis zum avisierten Jahr - wird ohne verstärkte Maßnahmen in diesem Bereich nicht zu erreichen sein", so Heilingbrunner abschließend.

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Umweltdachverband
Präsident
Dr. Gerhard Heilingbrunner
Tel.: 0664/38 18 462.
Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Sylvia Steinbauer,
Tel.: 01/40 113-21,
mailto: sylvia.steinbauer@umweltdachverband.at
http://www.umweltdachverband.at

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