"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Grassers Gespür" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 12. Jänner 2005

Innsbruck (OTS) - In jedem anderen europäischen Land, mit Ausnahme vielleicht von Italien, müsste solch ein Minister zurücktreten. So analysierte einst die Süddeutsche Zeitung den Umgang von Finanzminister Karl-Heinz Grasser mit der unsäglichen Homepage-Affäre. Trotz aller Widersprüche und Ungereimtheiten über die sündteure KHG-Selbstdarstellung und die nachfolgenden Fettnäpfe, in die der einstige Sonnyboy beidbeinig hineintrat, ist Grasser weiterhin im Amt. Eine Tatsache, welche ein besonderes Licht auf die politische (Un-)Kultur dieses Landes wirft. Grassers steuerschonende, freunderlwirtschaftende und mit Persilscheinen ausgestattete Politik ist längst schon eine unerträgliche geworden.
Für viele das Fass zum Überlaufen brachte Grasser mit seinen sattsam bekannten Widersprüchen, in die er sich im Anschluss an seinen Malediven-Urlaub verstrickte. Dass sich Grasser auch noch für seine Reise von der staatsnahen Fluggesellschaft indirekt sponsern ließ, ist nur mehr ein großes und übles Ärgernis. Doch dafür lächelte der Finanzminister in die Kamera, und teilte den spendenfreudigen Landsleuten mit, dass er überhaupt nicht daran denke, wegen der Tsunami-Katastrophe eine Absetzbarkeit von Privatspenden zu akzeptieren.
Mag Nationalratspräsident Andreas Khol weiterhin seine schützende Hand über den Minister halten, und all jene, die sich über Grassers Umgang mit politischer Verantwortung wundern, Kleinkariertheit vorwerfen: Dieser Finanzminister ist längst zur Belastung geworden. In jedem anderen Land hätte die Malediven-Affäre gereicht, um so einen Finanzminister abzuberufen, wenn er schon nicht aus Anstand von sich aus den Hut nimmt. Vielleicht hätte im Vergleich die Summe der Grasserschen Verfehlungen jetzt auch südlich des Brenners für einen Rücktritt gereicht. Aber Österreich ist eben anders. michael.sprenger@tt.com

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