"Die Presse"-Kommentar: "Entwicklungshilfe: Mehr Geld allein ist noch keine Lösung

Ausgabe vom 12.1.2005

Wien (OTS) - Die Bilanz nach mehr als 50 Jahren Entwicklungshilfe sieht traurig aus: Viele der größten Dauerempfänger gehören nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Welt. Und bei jenen, die sich aus der Armut weitgehend herausgearbeitet haben, kann dies in der Regel auch nicht auf eine besondere Art oder Menge von Entwicklungshilfe zurückgeführt werden.
Angesichts dieser ernüchternden Umstände verdient die nun wieder nachdrücklich erhobene Forderung, Österreich solle seinen Entwicklungshilfe-Etat deutlich erhöhen, nähere Betrachtung. Das geforderte Ziel, 0,7 Prozent des BIP für offizielle Entwicklungshilfe auszugeben, hat ein bisschen was von Zahlenfetischismus. Das beginnt bei der zur Untermauerung vorgelegten Statistik, die derzeit überall zitiert wird ("Österreich Vorletzter in Europa"). Die Werte stammen aus dem für Österreich besonders ungünstigen Jahr 2003. Nimmt man die Werte von 2002 oder 2004 (nicht offiziell bestätigt), liegt Österreich im Mittelfeld.
Dazu kommt, dass in dieser Statistik nur die offizielle, aber nicht die private Hilfe enthalten ist. Diese Unterscheidung ist etwas künstlich. Offizielles Geld wurde ja bei denselben Privatleuten eingetrieben, die auch die privaten Spenden geben. Auch die Formulierung, "die Bundesregierung verdoppelt Ihre Spende", heißt nichts anderes, als dass man zweimal spendet _ einmal direkt, einmal via Fiskus. Wenn man sich also klar sein will, ob Österreich nun Spendenweltmeister oder Oberknauserer bei der Entwicklungshilfe ist, müsste man redlicherweise beides zusammenzählen.
Das heißt natürlich nicht, dass der Aufruf zu noch größeren finanziellen Anstrengungen obsolet wäre. Und man kann auch argumentieren, dass die Aufbringung via Staat effizient ist, weil sie keine ORF-Galas und Plakatserien braucht. Nur: Einfach noch mehr Geld muss noch keine Verbesserung sein.
Rund 40 Organisationen bemühen sich derzeit um das öffentliche Entwicklungshilfegeld. Eine plötzliche Vermehrung des zur Verfügung stehenden Geldes kann auch bloß eine Vermehrung der Hilfsorganisationen nach sich ziehen - und damit eine weitere Zunahme von Generalsekretariaten, PR-Verantwortlichen, Verrechnungsstellen usw.
Und die Versuchung für die staatlichen Stellen wird groß, das Geld, weil mit weniger Aufwand verbunden, gleich direkt im Ausland unterzubringen. Diese Art Hilfe ist oft am wenigsten effizient und kommt auch oft nicht zum Tragen. Das kann man etwa in der Erdbebenstadt Bam im Iran sehen, wo die dortige Regierung das Geld selbst ausgeben will, die Geber dem aber nicht trauen. Darum ist nur ein Bruchteil der versprochenen Hilfen auch wirklich geflossen. Bloßes Ausloben höherer Summen bringt da noch gar nichts. Staatliche Entwicklungshilfe hat auch oft den Haken, dass die Probleme eines armen Landes nicht im Kapitalmangel, sondern in den örtlichen Strukturen liegen. Um hier nachhaltige Abhilfe zu schaffen, müsste man an die Hilfe Bedingungen knüpfen - so wie etwa eine Medizin oft nur wirkt, wenn der Patient seine Lebensführung ändert. Nur: Dies ohne unzulässige Bevormundung und ohne negative Nebenwirkungen für das dortige Sozialgefüge bewerkstelligen kann auch nicht jeder, siehe IWF.
Trotz allem: Es ist gut, dass die Entwicklungshilfe-Profis die Flutwelle des Mitleids zum Anlass nehmen, um Druck zu machen für mehr Entwicklungshilfeanstrengungen. Weil sie wohl auch genug förderungswürdige Projekte in der Pipeline haben. Aber es bleibt die Frage, ob es nicht doch effizienter wäre, nicht gleich das staatliche Füllhorn voll aufzudrehen, sondern zuerst einmal die Steuer-Abzugsfähigkeit humanitärer Spenden einzuführen. Dann müsste der Staat nicht mit Geld, das er vorher weggesteuert hat, die Spenden nachher wieder erhöhen. Das hilft zwar nicht der Statistik, stimuliert aber die Spendenfreudigkeit und belässt die Verantwortung dort, wo sie eigentlich hingehört: bei uns selbst.

michael.prueller@diepresse.com

Effiziente Entwicklungshilfe ist Menschenpflicht. Einfach nur mehr Geld vom Staat ist aber zuwenig.

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