"Kleine Zeitung" Kommentar: "Vorsichtiger Optimismus ist angebracht - mehr nicht" (Von Charles Landsmann)

Ausgabe vom 11.01.2005

Graz (OTS) - Mit Mahmud Abbas ist ein moderater Pragmatiker zum neuen Palästinenserführer gewählt worden - als Nachfolger des unberechenbaren Jassir Arafat. Und in Israel trat gestern Friedensnobelpreisträger Shimon Peres in die Regierung Sharon ein -mit dem vorläufig einzigen Ziel, den Rückzug aus dem Gazastreifen und nördlichen Westjordanland samt Siedlungsräumungen zu vollziehen.

Peres wird versuchen, seine jahrelang verspottete Version eines "Neuen Nahen Osten" in die Realität umzusetzen und den tot geglaubten Osloer Friedensprozess wiederzubeleben.

Vorsichtiger Optimismus ist angesagt. Mehr nicht. Denn den Duos, Abbas und Premier Ahmed Kurei auf palästinensischer sowie Premier Ariel Sharon und Shimon Peres auf israelischer Seite, steht jeweils eine mächtige Opposition gegenüber. Auf palästinensischer Seite sind es die Radikalislamisten und Nationalisten, die Verhandlungen mit dem "zionistischen Feind" ablehnen und diesen weiter bekämpfen werden. In Israel sind es nicht allein die immer militanteren Siedler, die sich gegen die Regierung stellen. Vielmehr ist der gefährlichste Gegner in Sharons eigener Likud-Partei zu finden. Diese "Rebellen" stimmen gegen die Regierung ohne Rücksicht auf eigene Verluste.

Das Gespenst eines Bürgerkrieges wird zwar auf beiden Seiten beschworen, ist jedoch minimal. Abbas/Kurei werden nicht mit Gewalt gegen Hamas und Islamischer Jihad vorgehen, Sharon/Peres müssen nicht gegen blindwütige Siedler aufrüsten.

Sharon und Peres haben oft bewiesen, dass sie ihren Gegnern überlegen sind. Abbas und Kurei müssen das noch beweisen. Sie sind genauso auf Unterstützung, auf politische und wirtschaftliche Hilfe aus dem Ausland, sprich USA, angewiesen, wie Washington Israel weitere Verzichte wird abverlangen müssen, soll sich der Nahe Osten gemäß der "Roadmap" in Richtung Frieden bewegen.

Zunächst müssen Abbas/Kurei einen von allen Palästinensergruppen akzeptierten Waffenstillstand schließen, an den sich auch Israel hält. Israel wiederum darf sich nicht scheuen, endlich hunderte illegale Siedlungs-Außenposten zu räumen, notfalls zu zerstören sowie einen Baustopp einzuhalten.

Dies erfordert auf beiden Seiten viel Überzeugungskraft und Überwindung. Doch wenn Palästinenser ihren eigenen Staat, Israelis endlich Frieden und Sicherheit haben wollen, müssen die neuen Führungen diese Schritte sofort vollziehen. Die Alternative wäre Kampf ohne Ende, Blutvergießen und Leiden, Not und Tod.****

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