"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Trauerarbeit" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 11.01.2005

Wien (OTS) - Erst haben der Regierung - allen voran der Außenministerin - die richtigen Worte gefehlt, jetzt versuchen Politiker aller Parteien aus der Katastrophe Kapital zu schlagen. Den Vogel abgeschossen hat wohl SP-Chef Gusenbauer, als er die Absage des für 3. Februar angesetzten Opernballs forderte. Da hat ihn selbst die eigene Partei wieder einmal im Regen stehen lassen.
Bei aller Tragik des Ereignisses, bei allem Respekt vor den Opfern und bei allem Mitgefühl mit den Hinterbliebenen: Die Trauerarbeit darf nicht zum Selbstzweck werden. Wir müssen helfen, aber wir sollten auch die Relationen sehen. Es gibt viele Regionen auf der Welt, in denen täglich Menschen fernab von Beben oder Tsunami verhungern, mangels medizinischer Betreuung sterben und kein sauberes Wasser haben. Wir ignorieren sie, weil kaum ein Tourist diese Gegenden kennt und dort keine Europäer sterben.
Die Natur werden wir nie völlig in den Griff bekommen, und einen risikolosen Vollkasko-Urlaub gibt es nicht. Aber auch dabei gilt es, Augenmaß zu bewahren: Gestern wurden noch 307 ÖsterreicherInnen vermisst. Im vergangenen Jahr sind auf Österreichs Straßen 876 Menschen ums Leben gekommen.
Erschütterung und Hilfsbereitschaft sind nicht teilbar. Alle Tsunami-Opfer haben sich Mitgefühl und jeden Euro Hilfe verdient. Aber wir sollten uns auch der Unfähigkeit bewusst werden, mit Katastrophen dieses Ausmaßes angemessen umzugehen, ohne gleich von fassungsloser Sprachlosigkeit in demonstratives Zurschaustellen öffentlicher Trauer und Spendenfreudigkeit zu verfallen.

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