"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Achtung, Jubeljahr" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 8. Jänner 2005

Innsbruck (OTS) - So lässt sich ein Jahr angehen: Da Österreich 2005 aus der Sicht der Regenten vor allem historische Daten und Taten feiern möge, ist der Termin- und Jubelkalender schon fix. Kriegsende, Staatsvertrag und EU-Beitritt beflaggen den Jubiläumskurs. Die Regierung bringt sich in Position, um das Gute an Österreich im Vorausblick auf das Wahljahr 2006 auf ihr Konto buchen zu lassen. Und die Opposition hat schon Stellung bezogen, um den Machthabern die Suppe etwas zu versalzen und ihren historischen Anteil am Festmenü anzumelden. Über die Vergangenheit lässt sich, einmal mehr, trefflich streiten. Allein, darum geht es kaum bis überhaupt nicht.
Die Themen, welche der Politik die Agenda des neuen Jahres diktieren sollten, sind nicht die hinter uns liegenden Leistungen, sondern die vor uns liegenden Aufgaben. Derer gibt es reichlich, was übrigens unstrittig ist. Mit dem Ende der Bipolarität ist die kommode Einteilung in ein Reich des Guten und eines des Bösen hinfällig. Zudem ist Österreich in der Europäischen Union, und die weiß noch nicht ganz genau, wohin mit ihrer Kraft, die sie überdies kaum zu bündeln vermag. So will sich nicht nur die EU eine Verfassung geben, worüber Österreich zu befinden hätte, sondern auch das Haus der Zweiten Republik soll durch Verfassungs-Architekten einer Überholung unterzogen werden. Da ist viel zu tun, man denke weiters nur an die fällige Bildungsdebatte.
Damit das öffentliche Gespräch über Gemeinsames gelingt, wird es nicht nur einer geschlossenen Gesellschaft der Machtträger, sondern einer tatsächlich offenen Gesellschaft ihrer Bürger bedürfen. Die haben sich noch nicht ausreichend zu Wort gemeldet, sind allerdings dazu aufgefordert. Inbesondere Künstler und Intellektuelle mögen tiefer gehend Stellung beziehen, als sich lediglich an der Oberfläche für oder gegen die Bundesregierung auszusprechen. Und diese Regierung möge nicht Kirche und Medien als Stützen ihrer Macht betrachten, sondern als davon unabhängige und eigenständige Instanzen, derer der Mensch in seiner Sehnsucht und eine demokratische Gesellschaft in ihrer Funktionsfähigkeit bedarf.
Noch, am Beginn des Jubeljahres, ist ja kaum etwas passiert. Aber wenn der Jubel verhallt ist, wollen wir auf etwas zurückblicken, was für die Zukunft geschaffen wurde und Bestand hat. Es müssen nicht gleich Meilensteine sein. Mit weiteren Schritten in Richtung eines modernen, Chancen und Gerechtigkeit bietenden Staates wäre man schon zufrieden.

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