"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Die Moral der Flut" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 7. Jänner 2005

Innsbruck (OTS) - Katastrophen machen keinen Sinn, aber mit ihren Folgen kann man moralisch und sachlich richtig oder eben falsch umgehen. Das zeigt sich auch an der Flutwelle, die vor elf Tagen Südasien heimsuchte, tausendfachen Tod und flächendeckende Verwüstung mit sich brachte. Wie alle Naturkatastrophen vor ihr, hat sie nichts Göttliches, gar Strafendes an sich. Entgegen mancher Vermutung möge man daher nicht nach dem Sinn im Unglück suchen, sondern nach den Lehren aus seinen Ursachen und aus seinen Folgen. Das geschieht, und zwar in beträchtlichem Ausmaß, auch wenn eine Portion Doppelmoral und politische Spekulation mit im Spiel sind.
Fotos, so meinte die kürzlich verstorbene Intellektuelle Susan Sontag, suchen uns heim und lassen uns nicht mehr los. Das gilt auch für die jüngsten Bilder der Tsanumi-Opfer, die um Welt in die Wohnzimmer gingen. Zu spenden ist daher richtig, und keinesfalls als Versuch, sich freizukaufen, zu denunzieren. Der Einzelne hat wenig andere Möglichkeiten.
Mehr an Möglichkeiten haben hingegen Politiker, besonders jene auf dem internationalen Parkett. Diesen kann man einen Wettlauf in Sachen Hilfsbereitschaft und Spendenzusagen unterstellen, aber berechtigt wäre Kritik erst im Fall von Unterlassungen. Doch unter dem Eindruck der Katastrophe scheint es so etwas wie Läuterung, zuminderst vorübergehender Natur, zugeben. Die USA akzeptieren die Führungsrolle der Vereinten Nationen in der Koordination der Hilfe. Selbst wenn sie sich mit ihrem Engagement als gute Burschen zeigen wollen. Regimes und Rebellen Südasiens verteilen Wasser anstatt Granaten zu verschießen. An den Küsten des indischen Ozeans weicht der Zynismus der Vorsorge, in dem nicht mehr bis an die Strände gebaut werden darf, dort stattdessen so etwas wie Vorwarnung und Küstenwache Einzug hält. Und das ist das Entsetzliche an der Moral aus Katastrophen: Das es ihrer offenbar bedurfte.

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