"Kleine Zeitung" Kommentar: "Geberländer in Geberlaune? Auf Worte müssen Taten folgen" (von Nina Koren)

Ausgabe vom 06.01.2005

Graz (OTS) - Nach der Flutwelle rollen jetzt die Hilfsaktionen an:
Neben der überwältigenden privaten Spendenbereitschaft überschlagen sich - zum Teil mit einiger Verspätung - auch die Regierungen der Industrienationen mit Hilfszusagen. Deutschland hat gestern auf eine halbe Milliarde Euro erhöht, knapp überholt von Australien, das sich mit 580 Millionen Euro an die Spitze der Geberländer gesetzt hat. Die USA liegen mit 265 Millionen Euro hinter den Japanern zwar nur auf Platz vier, haben aber in Südostasien ihre größte - und diesmal friedliche - Militäraktion seit dem Vietnamkrieg gestartet: Mehr als 12.600 Soldaten leisten auf 20 Schiffen vor Ort Soforthilfe.

Auch wenn man den Politikern ihre persönliche Betroffenheit nicht in Abrede stellen will: Hinter den Hilfszusagen stehen auch Imagepflege und handfeste geopolitische Interessen.

Deutschland, das versucht, einen Sitz im UNO-Sicherheitsrat zu ergattern, will seinen Anspruch als wichtiger internationaler Faktor unterstreichen. Außenminister Colin Powell wiederum erklärte ganz offen, die USA wollten der "moslemischen Welt Gelegenheit geben, die amerikanische Großzügigkeit und die amerikanischen Werte in Aktion zu sehen". Der Krieg im Irak und die Bilder von US-Soldaten, die nackte Häftlinge mit Hunden quälen, haben das Ansehen der Amerikaner auf den Nullpunkt sinken lassen.

Das jetzt GIs in Indonesien, dem größten Moslemstaat der Welt, Hilfspakete entladen und Wasserflaschen verteilen, soll das ausbügeln. Die Amerikaner setzen mehr auf die Wirkung der Symbolik als die des Geldes. Die USA hoffen, sie könnten dem Terror den Nährboden entziehen, wenn sie ihr Image als "guter Uncle Sam" zurückgewinnen - offen bleibt, ob sich Terroristen von Essenspaketen beeindrucken lassen.

Dass sich bei den Hilfsaktionen zudem Gelegenheit bot, die ungeliebte UNO zu diskriminieren, kam Washington gerade recht. Man versuchte, wie im Irak eine "Koalition der Willigen" mit Australien zu bilden, um die UNO zu umgehen.

Strategische Interessen haben auch China und Japan. Beide Länder umwerben die von der Flut betroffenen Länder als Hoffnungsmärkte und überbieten einander dort seit längerem mit Freundlichkeiten.

Dem obdachlosen Fischer in Indonesien könnte das alles egal sein, wenn dafür bald sein Haus wieder steht. Doch zu große Hoffnung sollte er sich nicht machen: Der vom Erdbeben zerstörten iranischen Stadt Bam hatten die Geberländer vor einem Jahr unter dem Druck der Fernsehbilder 1,1 Milliarden Dollar versprochen. Angekommen sind bisher 1,6 Prozent. Bleibt abzuwarten, ob diesmal dem Wettlauf der Worte einer der Taten folgt. ****

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