"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Lähmung vor und nach der Tsunami-Katastrophe" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 05.01.2004

Graz (OTS) - Manchmal bedarf es schlimmster Katastrophen, damit etwas geschieht und die Menschen wachgerüttelt werden.

Im Jahre 1859 bereiste der Genfer Geschäftsmann Henry Dunant die von Kriegswirren heimgesuchte Lombardei. Als er am Abend eines blutigen Gemetzels zwischen Italienern und Franzosen einerseits und Österreichern andererseits nach Solferino kam, erblickte er tausende von verwundeten Soldaten, die ohne jede Hilfe auf dem Schlachtfeld zurückgelassen worden waren. Er setzte eine behelfsmäßige Rettungsaktion in Gang und schrieb über die schrecklichen Erlebnisse ein die europäische Öffentlichkeit aufwühlendes Buch: "Eine Erinnerung an Solferino". Es war die Geburtsstunde des Roten Kreuzes.

Heute ist das Kriegskind die effektivste Hilfsorganisation der Welt. Das Internationale Rote Kreuz verfügt weltweit über 180 nationale Gesellschaften mit zahllosen hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeitern. Die Helfer mit dem Roten Kreuz gehörten zu den Ersten, die in den von der furchtbaren Flutwelle verwüsteten Küstenregionen des Indischen Ozeans im Einsatz waren. Sie sind für Katastrophenfälle ausgebildet und können fast überall auf Ausrüstung und Lager zurückgreifen.

Der alle Dimensionen überflutende Tsunami vom zweiten Weihnachtstag überstieg auch die Kräfte der leistungsfähigsten Rettungsdienste. Jetzt ist mehr erforderlich: Alle Länder müssen mithelfen, die zerstörten Städte und Dörfer wieder aufzubauen und gleichzeitig Maßnahmen zum Schutz vor künftigen Katastrophen zu ergreifen. Die oft pathetisch als Weltgemeinschaft bezeichneten internationalen Organisationen müssen sich dieser Herausforderung stellen.

Frisch im Gedächtnis sind die Versäumnisse vor und nach der Todeswelle. Das amerikanische Tsumani-Zentrum auf Hawaii schickte schon 15 Minuten nach dem ersten Seebeben eine Warnung an 26 Länder, fand jedoch östlich des Pazifischen Ozeans kein Gehör. Dass die Dritte Welt zu arm für ein Frühwarnsystem ist, reicht als Begründung nicht aus - für das Militär wird viel Geld ausgegeben.

Lähmend lang war auch die Reaktionszeit in der Ersten Welt. Während die meisten europäischen Länder nach einer Schrecksekunde von zwei Tagen ihre Apparate einigermaßen auf Touren brachten, verharrte die EU, die so gerne eine Weltmacht sein will, untätig im Winterschlaf.

Es ist höchste Zeit, dass auch die EU-Kommission und die Minister von der Welle der Spendenfreudigkeit ihrer Bürger mitgerissen werden. ****

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