"Kleine Zeitung" Kommentar: "Zwei angeschlagene Ringer gehen in die zweite Runde" (von Alexander Orssich)

Ausgabe vom 04.01.2005

Graz (OTS) - Alle rechneten damit, dass der amtierende Staatspräsident Stjepan Mesic es schaffen würde, die kroatische Präsidentschaftswahl schon in der ersten Runde für sich zu entscheiden. Nachdem schon alle großen Medien des Landes in der Wahlnacht den Sieg Mesics verkündet hatten, kam doch noch alles anders. Mesics Stimmen sanken plötzlich von rund 52 auf 49 Prozent und es zeigte sich, dass die von allen Medien verbreitete Prognose von seinem Sieg Wunschdenken war.

Sogar das staatliche Fernsehen wird jetzt als einseitig kritisiert, weil die Moderatorin dem amtierenden Staatspräsidenten vor laufenden Kameras ein festlich verpacktes "Wahlgeschenk" überreichte. Der verhinderte Sieg von Mesic in der ersten Runde, die schlechten Ergebnisse, die auch Mesic-Gegenkandidatin Jadranka Kosor in ihrer eigenen Partei, den regierenden Demokraten (HDZ), erzielt hat, sowie der überraschende Wahlerfolg des heimgekehrten kroatischen US-Businessman Boris Miksic sind die Merkmale dieser Wahl.

Niemand rechnete damit, dass Miksic, ein politisch unbeschriebenes Blatt und am rechten Rand des Spektrums anzusiedeln, praktisch allen Kandidaten Stimmen wegnehmen würde. Den Quereinsteiger wählten die Protestwähler, die mit dem Establishment unzufrieden sind. Aber der neue Mann, der vielleicht ein kroatischer Haider hätte werden können, konnte nach Auszählung der Auslandsstimmen gegenüber Kosor den zweiten Platz doch nicht halten.

Den Aufstieg in die zweite Runde haben Kosor angeblich vor allem die Stimmen der herzegowinischen Kroaten, die Tudjman-Gegner Stjepan Mesic nicht riechen können, ermöglicht. Will Kosor nun tatsächlich die erste Präsidentin Kroatiens werden, muss sie bis zur Stichwahl am 16. Jänner zumindest das gesamte Wählerpotenzial ihrer Partei für sich gewinnen. Miksic, der enttäuschte Heimkehrer aus den USA, erhob gestern umgehend die Anschuldigung, Regierungschef Ivo Sanader habe seinen Aufstieg in die zweite Runde mit unlauteren Mitteln "verhindert" und fordert eine Neuauszählung. Beweise blieb er allerdings schuldig.

Für die zweite Runde sind nun zwei Punkte festzuhalten: Erstens, Mesics verhinderter Wahlsieg ist eigentlich eine Niederlage. Er hatte die Unterstützung von sieben Oppositionsparteien und behauptete immer, er werde in der ersten Runde siegen. Zweitens, Kroatien hat mit Mesic und Kosor jetzt zwei Prasidentschaftskandidaten, die sich vehement für den EU-Beitritt einsetzen. Das ist erfreulich. ****

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