"Die Presse"-Kommentar: "Auch Wettbewerb hilft Leid mindern" von Michael Prüller

Ausgabe vom 4.1.2005

Wien (OTS) - Man sollte die relative Hilflosigkeit der dortigen
und der heimischen Behörden im Umgang mit der Bewältigung der Flutkatastrophe nicht den handelnden Personen anlasten. Vom Schreibtisch aus Zensuren zu verteilen scheint wirklich unangebracht. Bürokratien sind eben so, wie sie sind. Die Bürokraten können da wenig dafür.
Im Vergleich sehen die privaten Hilfsorganisationen deutlich besser aus. Nicht nur, weil sie viel mehr Erfahrung in solchen Einsätzen haben, sondern auch, weil sie in den vergangenen Jahren durch die zunehmende internationale Konkurrenz zu Professionalisierungs-Schüben gezwungen waren: Selbst den begnadetsten Improvisierern blieb die Schulbank nicht erspart, man besuchte Managementkurse und trimmte die immer schlankeren Organisationen auf Höchstleistungsmaß. Das hat zwar dem hehren Idealismus ein bisschen die Unschuld genommen, aber die Effizienz bei Einwerbung und Einsatz der Spendengelder noch einmal deutlich erhöht. Und das kommt nun auch den Betroffenen der Flutkatastrophen zugute. Wettbewerb macht eben leistungsstark.
Den immer zahlreicheren Wirtschaftskritikern, die im Zweifel doch eher den Staat anstatt Privat für das Bessere halten, mag es ein Ärgernis sein, dass hier nun sogar die Flutkatastrophe als Rechtfertigung für Wettbewerbsdruck profanisiert wird. Doch gerade weil die Sache so ernst ist, muss dieser Blick erlaubt sein. Es geht bei Wirtschaftspolitik ja nicht nur darum, welcher Gelehrter Recht behält, oder wie man den 726. Zusatzschnörksel zum Wohlfahrtsstaat anlegt, sondern um Existenzen. Es bringt dabei mehr Leid, wenn man aus romantischem Idealismus bloß auf zweitbeste Konzepte setzt. Und das beste Konzept wird heute wieder einmal deutlich: Solidarität und Wettbewerb.

michael.prueller@diepresse.com

Die Hilfsorganisationen haben sich zunehmend der Professionalität verschrieben - zum Glück.

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