Bildungsforscher warnt vor Konsequenzen der deutschen Hartz-Gesetze für Weiterbildung

Prof. Peter Faulstich sieht die berufliche Weiterbildung auf Lückenbüßerfunktion beschränkt

Wien (OTS) - Der Bildungsforscher Prof. Dr. Peter Faulstich von
der Universität Hamburg warnte im Rahmen eines Vortrags am Berufsförderungsinstitut Wien (bfi Wien) vor den Konsequenzen der deutschen Hartz-Gesetze für die berufliche Weiterbildung. Insbesondere die Einführung der Bildungsgutscheine in Deutschland habe im Kontext mit mangelnden Informationsdienstleistungen für die Arbeitsuchenden dazu geführt, dass von ca. 235.000 ausgegebenen Gutscheinen rund 30.000 bis 40.000 nicht eingelöst wurden. "Mit den Erwerbslosen wird ausgerechnet die schwächste Gruppe von Weiterbildungsnachfragern zu Versuchskaninchen für ein neues Finanzmodell gemacht, das m. E. angesichts der Intransparenz der Entscheidungsmöglichkeiten scheitern muss."

Generell spricht sich Faulstich gegen eine Übertragung des "reinen Marktmodells" auf das "Gut" Bildung aus, denn deren negative Konsequenzen würden die Unterversorgungsrisken bei der Kompetenzentwicklung verstärken: nämlich "die Kurzfristigkeit der Planungshorizonte angesichts eines erst mittel- und langfristig resultierenden Nutzens von Bildungsaufwendungen; die fehlenden Informationen über die Konsequenzen, weil die positiven Effekte nicht transparent sind; die Beschränktheit individueller Kosten-Nutzen-Kalküle gegenüber den gesellschaftlichen Anforderungen an Kompetenzentwicklung; die Vernachlässigung sozialer Aspekte, weil diese bei individuellen Teilnahmeentscheidungen ausgeblendet bleiben; die Unterversorgung mit Kompetenzen, da eine ausreichende Ressourcenaufbringung nicht aktiviert wird, und die fehlenden Bildungsangebote, weil eine entsprechende Infrastruktur nicht kontinuierlich gesichert wird."

Faulstich erinnerte an die Bedeutung der Weiterbildung für die gesamte Volkswirtschaft und für die/den Einzelne/n und mahnte, dass die Reduktion der Förderung der beruflichen Weiterbildung zu einer fortschreitenden "Dequalifikation" führen werde. Dies könne nicht wünschenswert sein angesichts der empirisch belegbaren Bedeutung der Weiterbildung, z. B. angesichts der positiven Korrelation von volkswirtschaftlichem Reichtum und dem Qualifikationsniveau. Die Leistungen der Weiterbildung bestehen u. a. in aktuellen Arbeitsmarktchancen, Berufsperspektiven, sozialer Integration, Partizipationsmöglichkeiten und einem Selektionsausgleich.
Eine weitere negative Konsequenz sieht Faulstich für die auf Honorarbasis Beschäftigten im Weiterbildungssektor. Sie würden zu unfreiwilligen Vorreitern in der "neuen Selbstständigkeit" als sogenannte "Ich-AGs" in prekären Beschäftigungsverhältnissen.

Prof. Dr. Peter Faulstich ist Ordinarius für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung an der Universität Hamburg und Autor zahlreicher Fachbücher.
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