"Die Presse"-Leitartikel: "Wir leben alle in derselben Welt - alle?" von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 31.12.2004

Wien (OTS) - Beim diesjährigen Neujahrskonzert werden die Staatsspitzen fehlen. Heinz Fischer hat seinen Besuch ebenso abgesagt wie Wolfgang Schüssel. Wegen der Flutkatastrophe. Solche Versuche des öffentlichen Betroffenheitsmanagements sind immer eine heikle Sache, weil sie Fragen offen lassen, die niemand gern beantworten mag:
Hätten die Herren auf das Neujahrskonzert auch dann verzichtet, wenn es keine österreichischen Opfer gegeben hätte? Und sind somit alle, die trotzdem hingehen - und natürlich auch die Philharmoniker selbst - pietätlose Gesellen?
Der Kanzler jedenfalls, das lässt sich aus dem zeitlichen Ablauf einigermaßen nachvollziehen, hat es seinem deutschen Amtskollegen Gerhard Schröder nachgemacht. Der ist nämlich, anders als sein Wiener Pendant, ein habitueller Symbolpolitiker, für den der Emotionshaushalt im Zweifelsfall vor dem Staatshaushalt kommt. Symbolische Politik ist die Kunst, in den Momenten, in denen es nichts mehr zu sagen gibt, Präsenz zu zeigen, Nähe, Stärke, Halt und Vertrauen zu vermitteln. Wir kennen die Bilder: George W. Bush, der die Feuerwehrmänner auf Ground Zero umarmt, Kanzler Schröder, der den ostdeutschen Hochwasseropfern Mut zuspricht. Wir kennen freilich auch die österreichischen Gummistiefel-Gegenbilder, vor allem jene von Viktor Klima.
Während kaum ein Amerikaner auf die Idee käme, dass Bushs Auftritt in New York in irgendeiner Form unpassend gewesen sein könnte, haben wir in Österreich schon lange ein Problem mit der Politik der Symbole. Klimas Gummistiefel-Aktion gilt ja geradezu als Sinnbild für dessen spezifische Mischung aus politischer Unbedarftheit und peinlicher Marketing-Schmiere.
Auch sein Nachfolger Wolfgang Schüssel schafft es nicht, das rechte Maß zu finden. Zwar neigen er und seine Regierung gelegentlich zur pompösen Inszenierung - das "Gedankenjahr 2005" lässt hier einiges erwarten -, der Kanzler selbst ist aber kaum in der Lage, glaubhaft Emotionen zu transportieren (außer, wenn er zornig ist). Wolfgang Schüssel kann man respektieren, man mag ihn sogar bewundern - aber man möchte, bildlich gesprochen, nicht den Kopf an seine Schulter lehnen.
Ähnlich geht es der neuen Außenministerin: Kurz nach ihrem Amtsantritt werden ihre politischen, menschlichen, vor allem aber ihre kommunikativen Fähigkeiten auf die denkbar härteste Probe gestellt. Und Ursula Plassnik agiert ähnlich wie ihr Chef: Die Diskrepanz zwischen ihren intellektuellen und diplomatischen Fähigkeiten und ihrer Unsicherheit im Umgang mit einer nach Halt und Sicherheit suchenden Öffentlichkeit ist offenkundig.
Frau Plassnik hat natürlich Recht, wenn sie sagt, dass ein guter Teil der Klagen über mangelnde Informationen aus dem Außenamt daher rührt, dass die Information, die sich die Angehörigen wünschen -nämlich Gewissheit über den Verbleib ihrer Verwandten -, niemand seriös geben kann. Ihre Analyse zeigt aber zugleich ihr Problem auf:
Wer die Politik der Symbole beherrscht, versteht die Menschen, statt sie zu analysieren.
Niemand zweifelt am Einsatz der Außenministerin und ihrer Mitarbeiter, und aus jedem persönlichen Gespräch mit ihr ist ehrliche Sorge um die Opfer, nicht nur die österreichischen, herauszuhören. Ursula Plassnik hat auch Recht, wenn sie darauf hinweist, dass es nicht leicht ist, eine Situation zu beherrschen, die 10.000 Kilometer von hier entfernt ist und ein Gebiet umfasst, das deutlich größer ist als ganz Europa.

"Wir leben alle in derselben Welt", sagte die Außenministerin dieser Tage. Sie spielte auf die Tatsache an, dass auch Minister und Diplomaten darauf angewiesen sind, dass Flugzeuge fliegen, Telefone funktionieren und Strom zur Verfügung steht.
Wir leben alle in derselben Welt: Ein schönes Wort. Das Problem vieler Politiker ist, dass sie genau das die Menschen nicht spüren lassen.

michael.fleischhacker@diepresse.com

Die Reaktionen auf die Flutkatastrophe zeigen: Österreich hat ein Problem im Umgang mit der Politik der Symbole.

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