"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Das Nachbeben" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 31. Dezember 2004

Innsbruck (OTS) - Angesichts dieser verheerenden Naturkatastrophe
im Golf von Bengalen, angesichts dieser Zerstörung unvorstellbaren Ausmaßes und angesichts dieser Bilderflut der auf uns niederprasselnden Medienmacht bleiben wir in unserer Hilf- und Sprachlosigkeit gefangen.
Einen Augenblick mitunter, der Fragen in unsere Gedankenwelt lässt, die sonst von allzu Wichtigem verstopft ist: über den Zustand der einen Welt.
Wir erleben seit der weihnachtlichen Sintflut eine andere Globalisierung. Die Menschen rücken näher zusammen. Doch wäre dies auch dann passiert, wenn die Folgen des Tsunamis nicht die Urlauberparadiese der westlichen Welt zerstört hätten? Ohne die dramatischen Schicksale von Hunderten Österreichern und anderen reisenden Europäern, Amerikanern oder Australiern wäre diese Wucht der Flut allenthalben an der Mauer des Westens abgeprallt. Wie bei den großen Katastrophen in den vergangenen Jahren. Ein paar Bilder, Spendenaufrufe, Übergang zur Tagesordnung. Schließlich habe sich die Katastrophe in einer anderen Welt, in der Welt der Ärmsten ereignet. Wir werden sehen, ob die Hilfe für Sri Lanka, Indien, Thailand oder Indonesien eine anhaltende sein wird. Oder ob es nach dem Ausblenden der Fernsehkameras nicht wieder so sein wird wie einst in Bangladesh, im iranischen Bam oder anderswo? Jedenfalls gilt jetzt schon als gesichert, dass die angesichts der Betroffenheit von den Staatsmänner des Westens noch großzügig angedachten Schuldenerlässe wohl nicht so schnell kommen werden.
Die Sprachlosigkeit bewahrt uns aber auch von einem unüberlegten Aufschrei. Angesichts der Zigtausenden Toten, der Millionen Obdachlosen vor Ort und der Trauer, Verzweiflung und Ungewissheit der Angehörigen der Urlaubenden klingen die Anklagen über die sich verzögernden Heimreisen einiger Touristen wie blanke Ignoranz. Auch wenn die Kritik am österreichischen Krisenmanagement wohl eine zulässige ist, so gibt es eben auch für Menschen im Wohlstandsgefüge Situationen, die an die Grenzen des Bewältigbaren stoßen. Das entschuldigt nicht die Politik der zögernden Nicht-Information des Außenministeriums, gibt aber auch einen Hinweis auf die reduzierte Geisteswelt unserer Gegen-fast-alles-versicherte-Gesellschaft.
Trotz alledem: In der heutigen Silvesternacht werden sie wieder entzündet, die bengalischen Feuer. Das soll auch so sein. Vielleicht bleibt ja Platz für Fragen und der Wunsch an ein gerechteres und besseres Jahr für unsere eine Welt.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion - Tel.: 05 04 03/ DW 601

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001