"Die Presse" Leitartikel: "Spiritualität ja, Kirche nein? Die Suche nach Strategien" (von Erich Witzmann)

Ausgabe 27.12.2004

Wien (OTS) - Die beiden Weihnachtsfeiertage sind auf ein
Wochenende gefallen, das schmerzt. Auch wenn nach einer neuen OGM-Erhebung gerade noch sieben Prozent der Österreicher im Weihnachtsfest einen besinnlich-religiösen Charakter sehen, den Verzicht auf die Feiertage der christlichen Kirchen (in erster Linie der katholischen) will kaum jemand hinnehmen. Das trifft auch auf Oster- und Pfingstmontag sowie jene vier christlichen Festtage zu, die für alle gelten - ob Katholische, Evangelische, Muslime, Angehörige einer anderen Religion oder von Österreichern "ohne Bekenntnis", wie es im Amtsdeutsch heißt.
Die Gesamtzahl der eingetragenen Kirchenmitglieder sinkt ständig. Noch machen Katholiken und Evangelische etwas mehr als 75 Prozent der Bevölkerung aus. Die Austritte halten aber an, in den vergangenen 30 Jahren ist die Gesamtzahl um etwa 15 Prozent zurückgegangen.
Werden also bei anhaltendem Trend in nicht allzu ferner Zukunft gerade noch die Feiertage an das ehemals christliche Gepräge Österreichs erinnern? Eine übertriebene Annahme, gewiss. Denn dass für die Kirchen das Terrain nicht verloren ist, zeigt auf der anderen Seite die Suche nach Sinn und Übersinnlichem, nach spirituellen Inhalten und allerlei Heilslehren. Das Geschäft mit der Esoterik blüht, auch die Umtriebe mit dem Satanskult.
Die große katholische Kirche kämpft aber mit zum Teil hausgemachten Problemen. Mit dem Ausschluss der Frauen vom Priesteramt, mit dem Zölibat, mit der starren Haltung des Papstes, auch mit den skandalösen Vorgängen im St. Pöltner Priesterseminar. Es stimmt schon, dass die Österreichische Bischofskonferenz nicht auf eigene Faust die Dogmen Roms ändern kann. Aber sie könnte den Dialog mit ihrem Kirchenvolk aufnehmen, sie könnte sich positionieren, auch gegenüber Rom. Nur eines sollte sie nicht: zu den vorgegebenen, aber von einer wachsenden Zahl nicht mehr akzeptierten Dogmen schweigen. Die evangelische Kirche hat nach Ansicht vieler die religiöse Tiefe zu Gunsten des politischen Tagesgeschäfts vernachlässigt (wie das beim Wechsel einer Bischöfin zu einer politischen Partei offenkundig wurde). Der Zug der Zeit wurde von beiden Kirchen nicht erkannt - das sagen nicht nur die Fernstehenden, sondern auch regelmäßige Besucher der Sonntagsmesse.
In Rom, in der Bischofskonferenz und auch im Parlament ist der Zulauf zu den Sekten ein Thema geworden. Rund ein Drittel aller Jugendlichen interessieren sich für spirituelle Splittergruppen und Esoterik, acht Prozent sind sektengefährdet, heißt es in einer in diesem Jahr publizierten Studie aus Niederösterreich. Und nach einer ebenfalls aktuellen Tiroler Untersuchung hat jeder zweite Jugendliche mit der Religion nichts am Hut.
Die Kirchen versuchen, mit eigenen Sektenreferaten dieser Entwicklung entgegenzusteuern. Das ist eine Notmaßnahme, die aber nicht an den Wurzeln des eigentlichen Problems ansetzt. Die Jugendlichen suchen Bezüge, neben und für das tägliche Leben. Es geht um Anhaltspunkte, die nicht auf das rein Rationelle zurückgeführt werden können. Es geht letztendlich auch um Alternativen zu einem Abgleiten in eine Scheinwelt, wie etwa in die Drogenszene.
Die Kirchen bieten Möglichkeiten zur Orientierung, zum Innehalten, zum Kraftschöpfen. Sie müssen die Abwanderung nicht hinnehmen. Allerdings: Das eigene Haus muss bestellt sein. Man kann kaum zum Eintritt auffordern, wenn im Inneren ungelöste Probleme warten, die zu neuer Verunsicherung führen. Die katholische Kirche hat im vergangenen Jahr manche Klärung vorgenommen. Jetzt muss sie, jetzt sollten auch die anderen Kirchen das unternehmen, was jedes andere Unternehmen tut: Sie muss ihre Attraktivität zeigen. Wenn es sein muss, auch mit einer Werbeoffensive.

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