Zivildienst: Zu 90 Prozent von Zivis und Eltern finanziert

Bei allgemeiner Verkürzung auf sechs Monate: Bereitschaft zu freiwilliger Verlängerung vorhanden

Wien (ÖGJ/ÖGB/ÖH/Plattform für Zivil) - "Die Zivildiener kommen mit dem Verpflegungsgeld, das ihnen gewährt wird, nicht aus", schloss der Vorsitzende der Plattform für Zivildienst, Christopher Temt, in einer Pressekonferenz am Donnerstag aus der ersten österreichweiten Zivildiener-Befragung. "Mehr als 90 Prozent der Zivildiener müssen sich ihren Zivildienst selbst finanzieren oder ihre Eltern belasten", so Temt. Der Vorsitzende der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ), Jürgen Eder, kritisierte den schlechten Informationsstand der Zivildiener. "Das zeigt deutlich, dass die Zivildiener endlich eine gesetzlich geregelte Interessenvertretung brauchen. Denn von den Trägerorganisationen werde sie nur über ihre Pflichten, nicht aber über ihre Rechte informiert", so Eder. Mehr als 80 Prozent der Befragten treten für eine bundesweite Vertretung ein. Joseph Mussil, Vertreter der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH) in der Zivildienst-Reformkommission, beklagt die hohe finanzielle Belastung der studierenden Zivildiener durch die Studiengebühren: "Sie müssen von den Studiengebühren befreit werden, denn derzeit fressen die Studiengebühren bis zu zwei Drittel des jährlichen Verpflegungsgeldes auf."++++

Christopher Temt wies auf die schwierigen Umstände hin, unter denen diese Befragung zustande gekommen ist. Der Plattform für Zivildienst steht kein Adressenmaterial zur Verfügung, um die Zivildiener direkt anschreiben zu können. "Es grenzt an ein Wunder, dass dennoch 490 Fragebögen den Weg zu den Zivildienern und wieder zurück gefunden haben", zeigte sich Temt zufrieden.

Modell 6 plus 3

Ein wesentliches Ergebnis der Befragung fasst Christopher Temt (Plattform für Zivildiener) als "tolles Angebot der Zivildiener" zusammen: Sollte der Zivildienst wie von Plattform, ÖGJ und ÖH gefordert auf sechs Monate verkürzt werden, wären die Zivildiener sehr wohl zu einer freiwilligen Verlängerung bereit - im Schnitt um mehr als drei Monate. Dafür müssten allerdings einige grundlegende Voraussetzungen erfüllt werden: Soziale Absicherung sowie Bezahlung, von der die Freiwilligen auch leben können. "700 Euro würden den meisten Zivildienern schon genügen - also soviel wie ein Lehrling im dritten Lehrjahr verdient". Und bei einer Zivildienstdauer von freiwilligen neun Monaten würde sich auch die Sanitäterausbildung für die Zivildiener bei den Rettungsorganisationen wieder auszahlen.

Verpflegungsgeld: Zu wenig zum Leben

Das Verpflegungsgeld - im Schnitt 5,72 Euro pro Tag - reiche bei weitem nicht zum Leben, kritisierte der Zivildiener-Lobbyist. "Da gehen die Ersparnisse drauf - die eigenen und die der Eltern"; sagte Temt: "Es wird Zeit, dass Zivildiener und Präsenzdiener endlich finanziell gleichgestellt werden."

Jürgen Eder (ÖGJ) wies noch einmal auf die Dringlichkeit einer gesetzlich geregelten, bundesweiten Interessenvertretung für alle Zivildiener hin. "Vor allem in Einrichtungen mit nur ein, zwei Zivildienern informiert die Zivildiener niemand über ihre Rechte. Eine bundesweite Interessenvertretung, die die Betroffenen auch erreichen kann, ist daher ein Muss", so Eder. Sie könnte - analog zur Bundes-Jugendvertretung - neben einem Präsidium aus einer von den Zivildienern direkt gewählten Vollversammlung bestehen und die Interessen der Zivildiener gegenüber Bund, Ländern und Trägerorganisationen vertreten.

Außerdem trat Eder für die Wiedereinführung der gemeinsamen Grundausbildung ein. Das wollen auch zwei Drittel der befragten Zivildiener.

Wirtschaft: Großer Druck auf Lehrlinge

Sauer stößt Eder die Tatsache auf, dass nicht einmal fünf Prozent der Zivildiener zuvor Lehrlinge waren. "Würde der Zivildienst gleich lang dauern wie der Präsenzdienst, dann würde die Wirtschaft nicht so großen Druck auf die Jugendlichen ausüben, dass sie doch lieber zum Heer gehen sollen, weil sie dann schneller wieder zurück im Betrieb sind", sagte der ÖGJ-Vorsitzende. Zu begrüßen sei in diesem Zusammenhang, dass auch die Wirtschaftskammer für eine Verkürzung des Zivildienstes auf sechs Monate eintritt.

Armutsfalle Studiengebühren

Probleme gebe es aber nicht nur für die Lehrlinge, sondern auch für die zivildienstpflichtigen Studenten, betonte Joseph Mussil (ÖH). Mehr als die Hälfte von ihnen zahlt auch während des Zivildiensts Studiengebühren. Sie könnten sich zwar beurlauben lassen, würden dann aber den Anschluss an ihr Studium verlieren. "Zivildienern muss daher ermöglicht werden kostenlos zu studieren", sagte Mussil.

SERVICE: Die detaillierten Ergebnisse der Zivildiener-Befragung stehen unter www.zivildienst.at/befragung zum Download zur Verfügung.(fk)

ÖGB, 15. Dezember
2004
Nr. 838

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