"Kleine Zeitung" Kommentar: "Inszenierte Geiselnahmen mit Grundwehrdienern sind Unfug" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 14.12.2004

Graz (OTS) - An den Schauwänden in den Städten hängen sie noch, jene ästhetisch ansprechenden Imageplakate, auf denen sich das Bundesheer als attraktive, moderne, bürgernahe Organisation anpreist.

Die Misshandlungen und Übergriffe, die in den vergangenen Tagen ruchbar wurden und in ihrer Bildersprache Assoziationen zu den Folterbildern aus dem Irak wachriefen, haben die Werbekampagne auf verheerende Weise konterkariert und zunichte gemacht.

Der Verteidigungsminister hat anfangs "würdige Worte" (Falter) für das Unwürdige gefunden und sich bei der Bevölkerung für die "unerklärlichen" Einzelfälle entschuldigt. Das rang zunächst Respekt ab, aber es reichte nicht, um sich aus der Bedrängnis und aus der Verantwortung freizuspielen.

Weder waren die inszenierten Geiselnahmen mit all den Exzessen und Demütigungen unerklärlich, noch waren sie irrelevante Einzelfälle. Sie wurden immer mehr und sie waren, jedenfalls aus der Sicht der Schleifer, hierarchisch völlig gedeckt, und zwar schwarz auf weiß. In einem Merkblatt des Verteidigungsministeriums heißt es: "Um in Ausnahmesituationen wie Geiselhaft kontrolliert und handlungsfähig zu bleiben, sind Ausbildungen in Form von (. . .) praktischen Übungen notwendig."

Für eine gewisse Kategorie von Ausbildnern, die Mühe haben, Anordnungen auf ihre Sinnhaftigkeit und Rechtmäßigkeit zu überprüfen, war das der Freibrief, mit ihren Grundwehrdienern Abu Graib zu spielen. Man sollte nicht generalisieren, aber die Wollust am Zufügen von Qualen, die das Video von Freistadt, aber auch die Berichte von Landeck dokumentieren, werfen ein Schlaglicht auf die Ausbildungsstandards in den Kasernen, auf die Personalauswahl und auf das defekte interne Kontrollsystem, das durch Korpsgeist substituiert wird.

Dass Unteroffiziere, die in der Menschenführung versagen, sich womöglich unterlegen fühlen und dieses Unterlegenheitsgefühl mit Härte ausgleichen, geduldet werden, ist schlimm. Dass aber von den Offizieren bis hinauf in die Generalstäbe niemand eingreift und klar stellt, dass Geiselnahmen in der Ausbildung von 18jährigen Grundwehrdienern nichts verloren haben, ist das eigentliche Bestürzende.

Kein Grundwehrdiener wird im Ausland eingesetzt, keiner wird je die Erfahrung einer Geiselnahme machen müssen, es sei denn - Achtung, Polemik - als Zivilist bei einem Banküberfall. Wozu dann also dieser archaische, unverantwortliche Schwachsinn? Plakate werden nicht ausreichen, um gutzumachen, was angerichtet wurde. ****

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