Kommentar: "Lüfterl statt Sturm" Von Günther Schröder

Ausgabe vom 14. Dezember 2004

Innsbruck (OTS) - Keep on running" - einen Gassenhauer der späten 60-er Jahre - hatte sich die SPÖ für ihren "Startklar"-Parteitag ausgesucht Tatsächlich. Alfred Gusenbauer muss weiter rennen. Oder besser: Er muss sich weiter abstrampeln. Denn dass der Aufbruch am Parteitag gelungen ist, das verspüren wirklich nur eingefleischte Gusi-Fans. Das matte Wahlergebnis spricht eine andere Sprache.
Es ist einfach zu viel passiert in den letzten viereinhalb Jahren Gusenbauer. Der Vorsitzende konnte zwar die Parteifinanzen sanieren und Richtungsstreitigkeiten glätten. Gleichzeitig versemmelte er einen Elfmeter nach dem anderen, dem ihm die schwarz-blaue Koalition auflegte. Hätte er nur ansatzweise (oppositions-)politische Talente eines Haider besessen, er hätte die Regierung von sich hergetrieben. So jagte eine Panne die andere - allerdings bei der SPÖ. Sie gewann fast alle Wahlen. Doch stabil und für die Wahl gut aufgestellt ist die Schüssel-ÖVP, die einen Landeshauptmann verloren hat. Die Tore, die man selbst nicht schießt, bekommt man.
Vor diesen Hintergrund hätte Gusenbauer seit Wochen wie ein Sausewind durch die Innenpolitik fegen und gestern die Aufrüttelrede seines Lebens halten müssen. Der Mann will ja Alternative zu Schüssel sein. Doch das Lüfterl, das da gestern durch das verstaubte Austria Center wehte, war nicht angetan, irgend jemanden vom Hocker zu reißen. Gusenbauer begann stark, und ließ stark nach. Sieger sehen einfach anders aus - doch die SPÖ hat derzeit keine Alternative.
Bis zur Nationalratswahl 2006 wird sich die Regierung jedenfalls kaum noch Blößen geben, unangenehme Reformen sind abgearbeitet. Von nun an wird gefeiert und EU-Vorsitz geführt. Da wird es die SPÖ schwer haben, überhaupt vorzukommen.
Doch vielleicht sieht Gusenbauer die Sache wie der Kanzler: gelassen. Der Brasilianer Lula da Silva brauchte vier Anläufe bis er Präsident wurde. Gusenbauer steht eh erst vor Nummer zwei. schroeder@tt.com

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