Spät, zu spät

"Presse"-Glosse vom 14.12.2004, von Wolfgang Böhm

Wien (OTS) - Wer zu spät kommt, den bestraft nicht unbedingt das Leben, aber jedenfalls die öffentliche Debatte. Zu diesem Schluss mag nun Bundeskanzler Wolfgang Schüssel kommen, wenn er sich immer mehr in politischen Zwängen der heimischen Türkei-Diskussion sieht. Jahrelang wurde das Thema weggewischt. Schüssel selbst war nie dazu bereit, Fragen zur Türkei zu akzeptieren. Während es in Deutschland schon längst eine breite Diskussion über Für und Wider dieses großen politischen Schrittes der EU gab, vergrub man sich in Österreich in ein abgründiges Schweigen. Weder Regierung noch Intellektuelle griffen das Thema auf. Wohl auch, weil sie ahnten, dass da wieder Grauslichkeiten auftauchen würden - Ausländerfeindlichkeit, plumper Islamhass und die unvermeidlichen Hinweise auf die Geschichte.
Nun aber, im letzten Moment, explodiert die Debatte wie ein emotionales Feuerwerk - in alle Richtungen, von allen Parteien, in ein völliges Chaos. Rationale Argumente für und vor allem gegen den Beitritt der Türkei haben keine Chance mehr. Sie werden vom Schutt des aufgewühlten Kleingeists und der parteipolitischen Taktik überlagert. Es ist zu spät.

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