"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Glücksfall namens Pisa: Endlich ist Bildung ein Thema" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 07.12.2004

Graz (OTS) - Es gehört zur Psychologie kleiner Länder, dass sie im Erfolg zu maßlosem Überschwang neigen (Schisport) und im Scheitern zu Weltschmerz. An der Rezeption des Pisa-Debakels lässt sich Zweiteres recht schön ablesen.

Dabei hätte das Land allen Grund, den Urhebern der Pisa-Studie dankbar zu sein. Sie ist kein Unheil, sondern ein Glücksfall -nämlich dann, wenn auf die Schreckstarre die Katharsis folgt, und tatsächlich mehren sich im Sog des Schocks die Anzeichen für Selbstreinigung und Aufbruch:

Endlich ist Bildung ein Thema, endlich wird über Inhalte gestritten und nicht über Ideologie, endlich scheint eine nationale Anstrengung von Politik und Gesellschaft für die Bildung möglich.

Die Bekenntnisse zum gemeinsamen Kraftakt sind ermutigend, aber sie dürfen nicht in die Routine von Runden Tischen münden. Einen Parallelkonvent braucht niemand. Die Reformwilligen in den Schulen erwarten, dass gehandelt wird. Der Befund liegt auf dem Tisch, jetzt muss die Rezeptur folgen.

Klar ist: Es muss eine Reform an Haupt und Gliedern sein. Die Umrisse, von den Experten längst skizziert, lassen sich als Imperativ-Kette formulieren:

Die kakanische Bürokratie mit all den Proporz- und Schacher-Gremien gehört beseitigt, die Millionen in die desolate Einzelförderung gesteckt. Die Schulen, die nicht mehr unwirtliche Vormittagsbetriebe sind, erhalten Zielmarken, an denen sie gemessen werden, aber wie sie diese erreichen, obliegt ihrem Bildungsprogramm. An die Stelle von Inspektoren treten landesweite Qualitätschecks.

Sie gelten für Schüler und Lehrer. Das Klassenzimmer darf keine Blackbox mehr sein, in die niemand hineinschaut. Ein entbeamtetes System muss möglich machen, dass die guten Lehrer die Avantgarde bilden, die didaktisch Immobilen in die Weiterbildung kommen und die Ungeeigneten in die Administration. Die Nachhilfe gehört verboten wie die Schwarzarbeit - ein Dokument unterlassener Hilfeleistung der Schule. Die erste nachhilfefreie Schule erhält einen Staatspreis.

Anstatt Schwächere nach unten durchzureichen, sollte es bis 14 eine einheitliche Basisschule mit international konkurrenzfähigen Standards geben: das gemeinsame Bildungsfundament. Wer von dort in die gymnasiale Oberstufe will, muss zu den Besten gehören; der Notenschnitt zählt. Das gilt auch für die, die mit 18 die Beletage des Bildungssystems anstreben, die Universität. Wir selektieren bei den Milchzahn-Kandidaten und machen dann den Trichter breit. Höchste Zeit, dass wir ihn auf den Kopf stellen. ****

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