"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Gehrers neuer Sicht" (Von Monika Dajc)

Ausgabe vom 7. Dezember 2004

Innsbruck (OTS) - Bildungsministerin Gehrer hält sich bei Einwänden gegen ihre Sicht der Dinge meist nicht lange auf. Antworten möchte sie am liebsten geraume Zeit vor den Fragen liefern. Selbstzweifel sind auch nicht nach dem Geschmack der obersten Lehrerin, gehören aber im Prinzip überall dazu, wo es um Erfolg geht. Neuerdings plädiert Gehrer für eine "unaufgeregte und sachliche Diskussion" über die wenig erfreulichen Ergebnisse der PISA-Studie. Zur Aufgeregtheit hat die Ministerin freilich seit Bekanntwerden der ersten Daten selbst ein gerüttelt Maß beigetragen.
Tage hindurch feuerte Gehrer Salven an Schuldzuweisungen in die verschiedensten Richtungen und machte vor laufender Kamera ohne Skrupel ein Grundübel aus: in Österreich gebe es fünf Mal so viele ausländische Kinder in den Schulen wie beim PISA-Musterschüler Finnland. Stimmt so nicht, lehrt die exakte Betrachtung und ist so ärgerlich wie der Ministerin Krisenmanagement insgesamt.
Die solide Bestandsaufnahme, woran das Schulsystem krankt, die bekam Gehrers Ressort schon vor über einem Jahr geliefert: Es waren die Empfehlungen der Zukunftskommission. Manches wurde diskutiert, insgesamt aber blieb der Eindruck vorherrschend, dass beileibe keine Eile geboten sei.
"Zukunft braucht helle Köpfe" folgerte Kanzler Schüssel in der Regierungserklärung 2003. "Alle Kinder sollten nach der Volksschule sinnerfassend lesen", propagierte er unter anderem. Laut neuestem PISA- Befund blieben vom Ministerium abwärts viele Leselämpchen weiter dunkel. Seit Jahren ist das Klagelied der Wirtschaft zu vernehmen, wonach Jugendliche beim Einstieg in die Lehre gravierende Mängel bei Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Den Ruck durch die heimische Bildungslandschaft ließen der Kanzler und seine Ministerin deshalb nicht gehen. Jetzt soll das anders werden. Ein Gipfel ist angesagt, Drohung und Verheißung in einem.

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