DER STANDARD-Kommentar: "Pisa-Gipfel im Fasching" von Gerfried Sperl

Ausgabe vom 7./8. Dezember 2004

Wien (OTS) - Also wird sich ein Bildungsgipfel begeben. Ende Jänner, in der Faschingszeit. Dieser zeitliche Hinweis ist wichtig, weil zu befürchten ist, dass viel geredet, aber nichts beschlossen wird. Warum?

Erstens, weil es um die Gesamtschule geht. Die wird eindeutig als Hauptursache des finnischen Pisa-Erfolgs betrachtet. Für die ÖVP-Spitze ist die Gesamtschule seit ihrem Aufkommen ein sozialistisches Ungeheuer. Und die Ganztagsschule, das zeigte erst kürzlich die Reaktion auf den Vorstoß der Steirer, ist nur dann o. k., wenn sie im Kloster stattfindet.

Zweitens: Eine effiziente Schulreform in Österreich hätte nicht nur die von SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer angebotene Abschaffung der Zweidrittelmehrheit im Nationalrat zur Voraussetzung. Sie gelänge nur durch eine Entmachtung der Personalvertretung. Weil genau das weder in der ÖVP noch in der SPÖ durchsetzbar ist, bleibt voraussichtlich alles beim Alten.

Drittens: Seit Jahrzehnten wird in Österreich über den Abschied vom Frontalunterricht diskutiert. Mit mäßigem Erfolg. Denn die Schwester dieser Art des Unterrichtens ist das System der Tests und Schularbeiten, die immer noch das gesamte System beherrschen.

Und überhaupt: So ein Bildungsball in der lustigen Zeit ist ein unverbindliches Ereignis. Kurz danach beginnen die so genannten Energieferien, die ja auch nicht aus schulischen, sondern aus touristischen Gründen eingeführt wurden. Die Diskussion kann sich umso leichter im Schnee verlaufen.

Die größte Chance auf Verwirklichung hat daher irgendeine Form der Kosmetik, die Wolfgang Schüssel dann als Jahrhundertreform verkauft. Bis nach der nächsten Pisa-Studie der nächste Katzenjammer ausbricht.

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