WirtschaftsBlatt Kommentar vom 7.12.2004: Konjunktur: Schluss mit der Miesmacherei - von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Wirtschaftsforscher, die jetzt Prognosen zu erstellen haben, sind wahrlich nicht zu beneiden: Was immer an Neuigkeiten herein kommt, steht im krassen Widerspruch zu dem, was zuletzt gemeldet worden war und wird schon durch die nächste Meldung neuerlich konterkariert. Auf ein unerwartet hohes US-Wirtschaftswachstum im dritten Quartal folgt ein Absturz im Verbrauchervertrauen, gleich danach ein überraschendes Plus bei den Auftragseingängen. Dazu kommt ein unberechenbarer Ölpreis und ein irrational oszillierender Dollar-Kurs. Stabilste Prognosegrundlage ist da eigentlich die Grundeinstellung der Prognostiker: Sind sie Optimisten, werden sie eher auf beschleunigtes Wachstum hoffen, sind sie Pessimisten, werden sie eher die hemmenden Faktoren sehen. Die Volkswirte der OeNB haben sich für die optimistische Sichtweise entschieden (siehe Seite 16): Die Steuerreform, die netto eine Entlastung von 0,7 Prozent (!) der verfügbaren Haushaltseinkommen bringt, soll stark genug sein, um die durch die Dollarschwäche verursachten Rückgänge im Export auszugleichen. Was in harten Zahlen absurd klingt, kann durch angewandte Wirtschaftspsychologie trotzdem wirken: Vielleicht haben die Österreicher ja schön langsam genug von der Miesmacherei und legen die paar Euro, die ihnen die Steuerreform beschert, nicht aufs Sparbuch, sondern investieren sie in eine neue Wohnzimmergarnitur oder einen erholsamen Skiurlaub in den Tiroler Alpen. Und einer Exportwirtschaft, der es heuer trotz Dollarabsturz gelungen ist, die Ausfuhren in die USA um ein Drittel zu erhöhen, ist sowieso alles zuzutrauen Österreichs Wirtschaft war wohl noch nie so wettbewerbsfähig wie jetzt. Zusätzlich ist sie ja in der beneidenswerten Lage, mit den neuen EU-Staaten einen aufnahmefähigen und ungebrochen wachsenden Markt direkt vor der Haustür zu haben. Schön wär¹s, wenn sich dieser Optimismus auch noch als ansteckend erwiese. Denn wenn obendrein die Verbraucher in Deutschland, Frankreich und Italien ihr Geld nicht auf die Bank, sondern zum Autohändler oder ins Reisebüro tragen, dann hätten wir in Europa plötzlich eine schöne, selbst tragende Konjunktur und könnten gelassen zuschauen, wie die USA ihr Leistungsbilanzdefizit durch Dollarabwertungen sanieren. Schliesslich werden dadurch Urlaube nicht nur in den USA, sondern auch in der Karibik billiger.

Rückfragen & Kontakt:

Redaktion WirtschaftsBlatt
Tel.: 01/60117-279

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001